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Überlebenstipps
für dunkelgraue Tage

Es ist Herbst. Und das ist schlimm.
Weil: Der echte, der wahrhaftige Herbst ist nur in Ausnahmefällen so kitschig kunterbunt wie bei den „Gilmore Girls“. In der Regel ist er grau. Im November gar dunkelgrau. Außerdem dauert er definitiv zu lange. Aber es nützt nichts, da müssen wir jetzt durch. Leicht wird’s nicht – aber mit unserem 5--Phasen-Programm sollte es zu schaffen sein.

1. Leugnen:

Die Eiszeit ausdehnen

Gerade zu Herbstbeginn ist es dienlich, so zu tun, als wäre nichts. Also nicht Herbst. Weil dann ist ja eigentlich noch Sommer. Im November ist es für diese Phase des Leugnens natürlich schon zu spät, weil definitiv zu kalt, aber man kann sich ja schon frühzeitig fürs kommende Jahr rüsten. Deshalb jetzt mitschreiben: Auch dann, wenn es im Supermarkt den Lebkuchen schon in der Menge billiger gibt, mindestens jeden zweiten Tag Eis oder Pommes konsumieren. Am besten beides. Das hebt die Laune. Weiterhin kurzärmelig herumlaufen, besonders harte Hund’ dürfen auch gern frohen Mutes die Sandalenperiode verlängern. Husten, Schnupfen, Heiserkeit und daran geknüpfte Infekte als hartnäckige Sommergrippe klassifizieren und jetzt ja nicht schwach werden und die fette Daunendecke aus dem Schrank holen. Es ist nicht Herbst! Es herbstelt höchstens.

2. Wut:

Ballast loswerden

Spätestens dann, wenn mitteloriginell verkleidete Nachbarskinder vor deiner Tür stehen und lautstark Süßes verlangen, darfst du durchdrehen. Aber bitte nicht vor den Kindern. Die erzählen nämlich alles weiter. Also: Lass deine Wut auf den Herbst, der sich erdreistet, dich auch noch mit Halloween zu belästigen, am besten ohne Zeug:innen im stillen Kämmerlein raus. Und nutze die daraus entstandene Energie für das Loswerden von längst entsorgungswürdigem Ballast. Zack: Raus mit allen Skinny Jeans und anderen fragwürdigen Schrankleichen. Bumm: Sämtliche WhatsApp von der/dem depperten Ex löschen. Nummer auch gleich eliminieren. Bäng: Diese eine Schublade mit antiken Ladegeräten, leeren Batterien und anderem kaputten Krimskrams gnadenlos ausmisten. Und nein: Den Inhalt nicht in die Sackln der Halloween-Anklopfer:innen geben. Das könnte übel enden.

3. Verhandeln:

Farbe bekennen

Du kommst immer noch nicht damit klar, dass es eigentlich rund um die Uhr düster ist. Obendrein gewandet sich ein Großteil deiner Mitmenschen urplötzlich vornehmlich in Beige-Tönen und wirkt dadurch mehr tot als lebendig. Was schon Maik im zeitlos schönen Coming-of-Age-Roman „Tschick“ irritiert hat, lässt auch dich nicht kalt. Jetzt bloß nicht mit dem Strom laufen und meinen, dass gedeckte Farben ein Herbst-Must sind. Schwachsinn. Treib es lieber bunt und leg dir auch gleich ein paar Teile in Neon zu – dann überfährt dich auch keiner, wenn du in der Dauerdämmerung über die Straße gehst. Aber Obacht: Unter keinen Umständen einen unüberlegten Großeinkauf bei Desigual machen. Alles hat seine Grenzen.

4. Depression:

Mut zur Schwermut haben

Du sitzt mit einem Schoko-Lebkuchen im Mund und einem Pumpkin-Spice-Latte-Fleck am Rollkragenpullover auf der Couch und schaust – in eine Wolldecke gehüllt – nach einem „Normal People“-Marathon auch noch „Little Women“. Dabei ist dir natürlich zum Heulen zumute, wobei du dich eigentlich durchaus freuen könntest. Dein Mut zur Schwermut ist nämlich bewundernswert. Du bist so was von Herbst! Deshalb leg ruhig noch ein Schäuferl drauf: Hör dir Billie Eilishs „When the Party’s Over“ in der Dauerschleife an, während du die Todesanzeigen in der TT liest und deine Stromrechnung studierst. Tristesse totale! Du befindest dich auf Augenhöhe mit deinem Feind. Oha: Was ertastest du denn da in deiner Manteltasche? Eine Kastanie. Du reibst an ihr und dir kommen die Tränen.

5. Akzeptanz:

Das Beste draus machen

Du findest den Herbst zwar immer noch anmaßend, aber du weißt nun, dass du ihn so nehmen musst, wie er ist. Deshalb pickst du dir – immer noch etwas widerwillig – die annehmbarsten Seiten dieser unsäglichen Jahreszeit heraus. Also: Du kochst dir was Gutes. Noch besser: Du lässt dich bekochen. Von jemand Nettem, der kein:e kleinliche:r Kalorienzähler:in ist. Nächster Schritt: Du ringst dich dazu durch, mal wieder dein Eigenheim zu verlassen und unter echte Menschen zu gehen. In eine Bar zum Beispiel. Beides gibt’s nämlich noch immer, Chat GPT wird’s dir bestätigen. Da du Netflix und Amazon mittlerweile wahrscheinlich eh schon leer geschaut hast, könntest du auch mal wieder einen Kinobesuch ins Auge fassen und dabei im Halbdunkeln der Handarbeit verfallen. Im Leokino und im Metropol wird jetzt nämlich wieder regelmäßig gestrickt. Wollsocken kann man nie genug haben. Denn schließlich darf man eines nie vergessen: Ab 21. Dezember ist der Herbst Schnee von gestern.

Illustration: Monika Cichoń