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Juchezer und Jodler für jede:n

An 250 Tagen im Jahr explodiert der Alpensaal der Messe für eineinhalb Stunden. Die stampfenden Knappen der Familie Gundolf entzünden ein lautes Feuer auf der Bühne. 6020 war beim bunten Tiroler Abend neben den Bögen.

Für den jungen Bengel gibt es ein paar Popo-Klatscher auf die Lederhose, das Dirndl mit der Rose in der Hand dreht sich im Takt der Musik, schrille Juchezer und Jodler durchschneiden die Messehallen-Luft, am Bühnenboden brennt ein Feuerchen vor gemalter Alpenkulisse vor sich hin: Die Familie Gundolf zeigt Tiroler Tradition und Kultur – verdichtet, in gut verdauliche Happen portioniert und im Schnelldurchlauf performt für ein internationales Publikum. Eineinhalb Stunden dauert der Tiroler Abend, inklusive Bier- und Brezn-Pause. Manche Reisegruppen buchen den Schweinsbraten und das Gröstl vor der Show dazu, sie fluten die mit 500 Plätzen womöglich größte Stube Tirols schon eineinhalb Stunden vor der Show.

Nicht nur was für Touris.
Durch die gläserne Tür strömen die Besucher:innen. Sie knipsen ein Foto ihrer Liebsten, die als vollbusige Blondine und schneidigen Trachtler getarnt durch den Gesichtsausschnitt des Fotoaufstellers grinsen. Es geht die Treppe hoch und im ersten Stock thront ein großes Plakat in Sepia. Darauf eine blonde Frau in streng tailliertem Kleid, sie hält sechs Bierkrüge in Händen

„Barbie und
Ken auf Tirolerisch?“

Zahlreiche Duette und Jodellieder stehen auf dem Programm des Tiroler Abends.
Für die Britin Rachel und ihre Töchter ist der Tiroler Abend ein Stopp auf ihrer Österreich-Tour.
und lächelt selig in die Kamera. Ein junger Mann in Trachtenweste, die dunklen Haare artig nach hinten gekämmt, blickt mit verschmitztem Lächeln auf den  Hopfensaft. Barbie und Ken auf Tirolerisch – oder eher Salzburgerisch? Immerhin ist das beim Tiroler Abend ausgeschenkte Bier von der Brauerei Stiegl. Zwischen Holzbänken und großformatigen Bildern von Berggipfeln und Almwiesen sind kleine Fotografien drapiert: Die Familie Gundolf in roten Trachtenwesten vor den Pyramiden von Gizeh, die Familie Gundolf im Schnürmieder im Salon oder im Lodenjanker im Wirtshaus mit Akkordeon, Harfe, Tuba und Trommel, die weißen Federbuschen an den Hüten türmen sich gen holzgetäfelte Decke. Es sind Relikte aus den „goldenen 70ern“, sagt Martin Gundolf. Drei Familien lebten damals vom Tanzen und Musizieren, vier Säle parallel füllten sie mit Schuachplattln und Jodeln. „Heute backen wir kleinere Brötchen. Meine persönliche Motivation ist jetzt, die Familientradition weiterzuführen.“ Diese besteht darin, Tiroler Tänze und Lieder an 250 Tagen im Jahr vor heute durchschnittlich 200 Zuschauer:innen zum Besten zu geben. „Früher gab es in den Dörfern jede Woche mehrmals einen Tiroler Abend. Aber das stirbt immer mehr aus“, sagt der gelernte Touristiker aus Rum, dessen Familienunternehmen heute eine Art Monopolstellung hat. Reisebusweise werden Gäste aus Amerika, Asien, Australien und anderen europäischen Ländern in der Bogenmeile abgeliefert, um hinter den dicken Messe-Mauern für ein paar kurzweilige Minuten der Alpenkultur zu frönen. Mit vergünstigten Tickets und einer Kooperation mit dem Freizeitticket hofft Martin auch auf die Locals: „Es ist natürlich auch das Bestreben,von den Einheimischen akzeptiert und als ernst zu nehmendes Angebot in der Stadt anerkannt zu werden. Dass man durchaus herkommen kann, ohne sich zu schämen.“ Seine Vision? „Dass man seinem Besuch aus dem Ausland neben Goldenem Dachl, Nordkette, Bergisel und Kristallwelten auch stolz unseren Tiroler Abend zeigt.“

Tiroler Tänze als Work-out. 
Raus aus der Schmuddelecke solle das ortsansässige Kulturevent nicht mehr nur als reine Touri-Show angesehen werden, die den Gästen ein angeblich längst überholtes Bild von Tirol vorspielt. „Viele der insgesamt rund 80 Leute, die bei uns auftreten, kommen ja zum Beispiel von Trachtenvereinen oder Musikkapellen, oder auch vom Konservatorium, sie werden nicht von uns ausgebildet. Wir geben ihnen hier die Möglichkeit, ihr Hobby regelmäßig auszuüben und damit ein bisschen Geld zu verdienen.“ Nachwuchsprobleme? Gebe es keine. „Mein Neffe und seine Kumpels drängen richtig auf die Bühne.“ Auch Martins 19-jähriger Großcousin Maximilian plattelt seit drei Jahren vor Publikum, immer wieder steht er gemeinsam mit der 17-jährigen Sophia auf den Brettern, die Tirol bedeuten. „Wir lachen viel auf der Bühne und es macht total viel Spaß“, erzählt sie. 

Der „Tiroler Abend“ der Familie Gundolf bringt fast täglich Volksmusik, Jodler, Schuachplattler und Tänze auf die Bühne des Alpensaals in der Messe Innsbruck.

Die Shows beginnen um 20.30 Uhr und dauern eineinhalb Stunden. Wer ein dreigängiges Dinner dazubucht, zahlt anstatt der 39 Euro insgesamt 69 Euro. Kinder von sechs bis zehn Jahren zahlen 10 Euro.

Ermäßigungen gibt’s mit der Innsbruck Card, Welcome Card, der Jugendkarte und dem Familienpass. Das
Freizeitticket garantiert gratis Eintritt.

Die Adresse lautet Kapuzinergasse 11, der Eingang ist in der Ing.-Etzel-Straße.

Für Sales-Trips reisen die Gundolfs bis nach Asien. Dort werben sie für ihre Shows und die Destination Tirol.

Im Takt der Musik hacken die Holzfäller auf den auf die Bühne geschleppten Baumstamm ein.

Die Freude der Künstler:innen färbt auf manche jubelnden Gäste richtig ab, auf manche weniger. Ein Amerikaner hat sein Handystativ aufgestellt und filmt die gesamte Performance mit, während er sich mit seinem anderen Handy befasst. Die 16-jährige Zaida und ihr 19-jähriger Bruder Néstor aus Spanien zeigen sich hingegen beeindruckt von der Kreativität der Show. Sie sind selbst begeisterte Musiker:innen und finden „ganz besonders die singende Säge toll“. Und die Tänze: „Sie sind so wunderschön synchron und ein richtiges Work-out, weil die Tänzer:innen ganz viel springen.“ Rachel ist mit ihren Töchtern aus Großbritannien angereist, ihre Route führte sie von Wien schon an den Wolfgangsee, über Zell am See zum Aqua Dome und in die Kristallwelten. „Beim Tiroler Abend sieht man so viele so unterschiedliche Performances“, lobt
die 13-jährige Rosie.

Exquisite Requisiten.
24 Einlagen umfasst das Programm. Männer blasen in meterlange Alphörner und tauchen den Saal in wohlig warme, majestätische Töne. Eine weite Landschaft tut sich in der Seele auf, sie fliegt über Gipfel und Täler, als flöge sie nach Haus’. Dann ziehen Holzhacker einen schweren Holzstamm hinter sich her, um ihn mit Beil und Säge im Takt der Musik zu malträtieren. Müllersleute unter weißen Mützchen und Häubchen drehen sich wie eine Mühle im Kreis, immer und immer weiter. Sie stampfen in den Boden und ziehen einander grinsend an den Händen. Beim Eifersuchtstanz rangeln der junge Bengel und der ältere Herr um das Mädl, eine handfeste Auseinandersetzung lässt das Publikum aufschreien, applaudieren und lauthals lachen. Schrill klirrt es in den Ohren, als die Knappen mit eisernem Hammer auf den Meißel schlagen. Das Feuerchen explodiert, der Bozner Bergsteigermarsch huldigt Winterschnee und Sonnenschein, und dann werden schon Fahnen aus aller Welt geschwenkt und für jedes Land Land ein bekanntes Lied vorgetragen. Die Zuschauer:innen grölen und klatschen mit, und nach einem letzten Tiroler Lied und Standing Ovations ist von einer auf die andere Sekunde das ganze Spektakel vorüber. Der Saal ergießt sich in fortfahrende Busse, und übrig bleiben für kurze Minuten gesättigter Stille ein paar geübte Aufräum-Handgriffe der gerade noch Jauchzenden. Bis auch sie weiterhin trachtig gewandet die Spielstätte verlassen, in die nächtlich graue Bogenmeile hinaustreten und nach Hause fahren. Um am nächsten Tag für neues Publikum wiederzukommen.

Text: Melina Mitternöckler
Fotos: Franz Oss