Kilometer für die Plattform
Was die Lieferdienste Foodora und Lieferando über die wachsende Gig-Ökonomie verraten – und was man erst sieht, wenn man selbst als Rider mitfährt.
Was die Lieferdienste Foodora und Lieferando über die wachsende Gig-Ökonomie verraten – und was man erst sieht, wenn man selbst als Rider mitfährt.
Ein sonniger Nachmittag in Innsbruck. Die Herbstluft ist kalt und klar, die Nordkette durch den ersten Schnee vor ein paar Tagen leicht angezuckert. Als frisch angemeldeter Foodora-Rider begebe ich mich mit pinker Lieferbox am Rücken in die Startzone, die mir von der App angezeigt wird. Ich radle also mit meinem Bike in die Innenstadt, klicke „Slot starten“ und warte gespannt auf die erste Bestellung. Als „Slot“ werden übrigens die Schichten bei Foodora bezeichnet – ich habe mich an diesem Nachmittag jedenfalls für drei Stunden angemeldet.
Die Karte in der App wirkt wie Google Maps – und basiert vermutlich auch darauf. Rot gefärbte Heatmaps zeigen Hotspots, an denen viel bestellt wird. Im Moment scheint jedoch niemand in Tirols Landeshauptstadt hungrig zu sein – die Map bleibt blass. Es heißt, der frühe Nachmittag sei „eh oft ruhig“ – dazu passt, dass bei mir zunächst nur Push-Meldungen eintrudeln: neue Bürozeiten der Rider-Station, die Ankündigung eines 20-Pro-zent-„Rush Bonus“ von 17 bis
20 Uhr sowie eine Wetterwarnung für den Abend. Auch ein „Bring a Friend“-Bonus blitzt auf – der greift aber nur, wenn der Freund auch genügend Fahrten macht. Ich warte, rolle durch die Gassen Innsbrucks und warte weiter. Zehn Minuten. Zwanzig. Dreißig. Nichts.
Neue Taktik: heimradeln, in der warmen Küche chillen und Handy im Blick behalten. Theoretisch greift ein Mindesthonorar im Monatsdurchschnitt, falls die Plattform zu wenige Aufträge zustellt – aber nur, so heißt es, wenn die mageren Stunden nicht an mir liegen (zum Beispiel, weil ich Bestellungen ablehne). Dann endlich ein erstes „Ping“: meine erste Bestellung. Puls rauf, Jacke zu, Helm drauf und los geht’s.
Im Lokal läuft alles routiniert. Bestellcode zeigen, kurz warten, Box packen. Die Mitarbeiter:innen reagieren freundlich und unaufgeregt. Man spürt, dass hier täglich Dutzende Kisten durchgehen. Wieder draußen im Freien brennen meine Finger vor Kälte, aber das Pedalieren wärmt. Beim Kunden: Klingel, „Mahlzeit!“, Danke, Tür zu. Trinkgeld? Gibt’s laut der App online – das heißt, es kommt dann erst mit der monatlichen Abrechnung.
Vom Nervenkitzel zur Routine.
Ab jetzt taktet die App meinen Nachmittag. Kaum tippe ich „zugestellt“, vibriert es erneut. Nach zwei Fahrten ist aus Nervenkitzel Routine geworden: Bestellung annehmen, Route checken, Code anzeigen, ab die Post. Von Wilten in die Reichenau, weiter nach Pradl und wieder zurück in die Innenstadt. Der Algorithmus lässt einen ganz schön in die Pedale treten – ein alternatives Fitnesstraining ohne Gym-Abo.
Die Sonne scheint auf meine warme Foodora-Jacke. Ich bin froh, dass Regen heute Pause macht – man sagt, bei Sauwetter regnen Prozente, aber nett sei es trotzdem nicht. Grundsätzlich habe man als Rider:in die besten Verdienstmöglichkeiten, wenn sonst niemand draußen sein will. Sprich: Wenn’s kalt und dunkel ist, regnet oder schneit, gibt’s mehr Bestellungen, aber weniger Rider:innen – der Algorithmus hat also gar keine andere Wahl, als alle möglichen Orders zuzuspielen.
Nach drei Stunden ist bei mir jedenfalls Schluss. Die Bilanz: sechs Lieferungen, rund 25 Euro brutto inklusive Rush-Bonus und drei Euro Trinkgeld – knapp acht Euro pro Stunde. Das ist unter dem zugesagten Mindesthonorar. Laut Regel sollte die Plattform also später aufstocken, wenn zu wenige Aufträge angeboten wurden.
Die App am Smartphone steuert den Arbeitsablauf: Sie weist Aufträge zu und navigiert die Rider:innen zur Abhol- und Lieferadresse.
Farbtupfer im Stadtbild.
Auf dem Heimweg fällt mir auf, wie sehr die Rider:innen inzwischen zum Stadtbild der Landeshauptstadt gehören – wie fließende Farbtupfer zwischen Radwegen, Tram und Touris. Nur die Farbtöne verändern sich bei Rebrandings oder Insolvenzen. Aus Grün wurde vor einigen Jahren Pink, als aus Mjam Foodora wurde. Andere Quick-Commerce-Anbieter wie Flink kamen und gingen – mit Millionenschulden und der Erkenntnis, dass der Liefermarkt auf Innsbrucks Straßen hart umkämpft ist.
Mir kommt jedenfalls vor, dass der insbesondere während der Coronazeit spürbare Hype inzwischen Geschichte ist. Heute teilen sich vor allem Foodora und Lieferando die Stadt auf. Während mir die Arbeitsmodelle und -bedingungen noch recht undefiniert und umkämpft erscheinen, ist der heimische Markt also bereits konsolidiert.
Der Algorithmus als Chef.
Die App ist mein Boss – sie plant, bewertet, verteilt. Ich trete, liefere, bestätige. Es fühlt sich effizient an und gleichzeitig erstaunlich still: wenig Smalltalk, viel Bewegung und immer wieder der Blick aufs Handy. So ist sie also, die Arbeit über eine Plattform – das Dasein als sogenannter Gig-Worker in der wachsenden Gig-Ökonomie. Ich bin auf Algorithmen im Hintergrund angewiesen, die Chancen verteilen, bei Peaks besser zahlen und bei Flauten drosseln. Heute sind Plattformen noch auf meine Muskeln angewiesen, morgen könnten jedoch bereits Roboter anklopfen, Drohnen brummen und Supportbots chatten. Aber in einer Alpenstadt wie Innsbruck – mit Schnee, Kopfsteinpflaster und eng getakteten Gassen – bleibt der Mensch am Sattel schwer zu ersetzen. Vorerst.
Der Markt wächst – rasant
• Laut offiziellen Zahlen sollen in der EU inzwischen rund 43 Millionen Menschen über digitale Plattformen arbeiten.
• Die Plattform-Umsätze stiegen zwischen 2016 und 2020 von 3 Milliarden Euro (2016) auf 14 Milliarden Euro (2020), kein Ende in Sicht – die größten Brocken sind dabei Zustellungen und Taxidienste.
• Foodora liefert neben Lebensmitteln auch Apotheken- oder Technikartikel (Mediamarkt) aus.
Regeln im Anrollen
• Die EU-Richtlinie zur Plattformarbeit (beschlossen am 14. Oktober 2024) gibt Gig-Arbeiter:innen die Möglichkeit, eine widerlegbare Vermutung eines Arbeitsverhältnisses (etwa bei „falscher Selbstständigkeit“) zu melden, und soll Transparenz bei algorithmischen Systemen bringen. Die Mitgliedstaaten haben zwei Jahre Zeit zur Umsetzung.
Konzentration & Konkurrenz
• Prosus übernahm kürzlich für über 4 Milliarden Euro Just Eat-Takeaway (Lieferando) – mit der Auflage, den Delivery-Hero-Anteil stark zu reduzieren, um den Wettbewerb in der EU zu sichern.
• Parallel drängt der US-amerikanische Konkurrent Doordash in Europa auf den Markt, was zusätzlichen Konkurrenzdruck für die etablierten Player bedeutet.
• Zugleich ahndet Brüssel Kartellabsprachen: zuletzt etwa 329 Millionen Euro Strafe für Delivery Hero und Glovo (Minder-heitenbeteiligung durch Delivery Hero).
Automatisierung – Hype trifft Kopfsteinpflaster
• Aktuell versuchen viele Lieferdienste, mithilfe von künstlicher Intelligenz oder Robotik ihre Prozesse zu verfeinern – so werden in Skandinavien bereits Drohnen sowie Lieferroboter, die am Gehsteig fahren, für die Zulieferung von Lebensmitteln eingesetzt.
• Auf Innsbrucks Straßen oder über den Dächern der Stadt werden wir diese jedoch nicht so schnell sehen – u. a. aufgrund von Schnee, Rampen oder strikten Gesetzen. Der Mensch bleibt jedenfalls (noch) konkurrenzfähig.
Oranges Chaos.
Dass moderne Technik den Menschen noch nicht ganz ersetzen kann, zeigt auch meine Erfahrung mit Lieferando: Die App ist zwar fix heruntergeladen und auch der digitale Dienstvertrag rasch signiert, aber der Lieferando-Shop, bei dem ich mir als Kurier meine Ausrüstung bestellen kann, war für mehrere Wochen nicht abrufbar. Laut Fehlermeldung scheint da etwas bei der Zusammenarbeit mit einem IT-Partner nicht ganz funktioniert zu haben.
Bei meinen Anrufen bin ich zudem in gefühlt endlosen Warteschlangen gelandet und meine schriftlichen Anfragen wurden nur durch automatisierte – sowie offensichtlich KI-generierte – E-mails beantwortet. Ohne mein Problem zu lösen oder auf meine konkrete Frage zu antworten, versteht sich. Doch es ging nicht nur mir so: Mehrere Fahrer:innen hätten zuletzt Probleme gehabt, zu ihrer Lieferando-Ausrüstung zu kommen, hieß es von der Konkurrenz. In letzter Zeit sei es bei Lieferando aufgrund verschiedenster Veränderungen – etwa der Kündigung aller fix angestellten Rider:innen im Sommer – sowieso ziemlich rundgegangen. Damit man die Arbeitskräfte jedoch nicht an Foodora verliert, habe das Unternehmen im Anschluss gute Bonuszahlungen angeboten. Ich aber muss mich stattdessen mit lauter Hindernissen herumplagen.
Wie funktioniert ’s?
• Kaum Hürden: Ausweis, Meldezettel, E-Card, Bankdaten und – je nach Status – Asylbescheid oder Arbeitserlaubnis hochladen, Vertrag digital unterschreiben und Equipment auswählen.
• Starten: App laden, Unterlagen hochladen, Vertrag signieren, Tasche holen – fix erledigt.
• Innsbruck-Plus: Foodora betreibt eine Rider-Station in den Bögen und bietet Einschulungen/Equipment; Lieferando wickelt hingegen alles digital ab.
Geld & Zeiten
•Als Freelancer:in verdient man laut Foodora-Seite „durchschnittlich 13,96 Euro“ pro Stunde und „bis zu 20 Euro“ bei viel Betrieb.
• „Bis zu“-Angaben sind Peak-Werte; realistisch wird das erst abends (rund 17 bis 20 Uhr) und am Wochenende; Nachmittage können zäh sein.
• Am Monatsbeginn sind die Konten noch gut gefüllt und es wird mehr bestellt – ein Vorteil für Rider:innen.
• Trinkgeld hilft, ist aber nicht fix – oft unter 10 Prozent.
Wer steckt dahinter?
• Foodora: Marke der deutschen Delivery Hero Gruppe, die in über 70 Ländern Portale für Online-Essensbestellungen und Lebensmittellieferungen betreibt und mehr als 2.600 Kurier:innen beschäftigt.
• Lieferando: Österreich-Marke von Just Eat-Takeaway (JET). Das aktuell in weltweit 17 Ländern aktive Unternehmen wurde 2025 vom Medienkonzern Prosus (Naspers-Gruppe) mehrheitlich übernommen, der wiederum größter Anteilseigner bei der Delivery Hero Gruppe ist – beide Lieferdienste in Innsbruck gehören also bis zu einem gewissen Grad zum selben Mutterkonzern. Der Deal wurde von der EU unter Auflagen akzeptiert: Der 27-Prozent-Anteil an Delivery Hero muss von Prosus auf eine einstellige Prozentzahl reduziert werden.
Arbeitsmodelle – der zentrale Unterschied
• Foodora: In Österreich sowohl Anstellung mit fixen Stunden (KV) als auch freie Dienstverträge; rund
90 Prozent sind freie Dienstnehmer.
• Lieferando: 2025 Umstieg in Österreich auf freie Dienstverträge; zuvor angestellte Rider:innen wurden gekündigt; laut Verantwortlichen musste man sich dem Preisdruck der Konkurrenz beugen und deshalb die Arbeitsmodelle anpassen.
Nachfrage – Österreich & Tirol
• Österreichweit bestellt laut Foodora-Trendmonitor fast die Hälfte zumindest monatlich; Fußballabende pushen Orders.
• In Tirol geben laut Foodora Trend Monitor 2024 „mehr als 37 Prozent“ an, mindestens monatlich zu bestellen – Sonntage dominieren.
Als ich den Shop endlich abrufen und mir meine orange Ausrüstung bestellen kann, wird die Kurier-App deaktiviert – wegen zu langer Inaktivität, heißt es. Und das, obwohl ich bereits einen Slot in der kommenden Woche gebucht hatte. Pragmatismus muss die Maschine also noch lernen.
Nachdem ich über mehrere Wochen ohne Erfolg versucht habe, mein Konto zu reaktivieren, gebe ich irgendwann auf. Ein menschlicher Kunden- bzw. Mitarbeiterservice wäre in diesem Fall vermutlich viel effektiver gewesen. Auch wenn mich die immer häufiger automatisierten und inhaltsleeren Antworten von KI-Agenten zur Weißglut führen können, haben sie in diesem Fall in Bezug auf den Arbeitsmarkt irgendwie auch etwas Beruhigendes.