Katerstimmung

Katerstimmung

Als das Project am 17. August mit einem Instagram-Post sein sofortiges Ende bekannt gab, war die Überraschung groß – das Lokal war schließlich eine der absoluten Ausgeh-Institutionen in den Bögen, Vorwarnung gab es keine. Das kleine Schild über der Tür war am selben Tag weg, genau wie die gesamte Ausstattung: Das Project wurde quasi über Nacht zum leeren Raum.
Dass es so endet, war auch für den Betreiber Kurt Duracher überraschend. Nach 19 Jahren entschied er sich, das Kapitel Project für sich zu beenden, aber: „Mein Plan war, das Project zu erhalten.“ Das Lokal sei in einem sehr guten Zustand gewesen, das Team toll und motiviert – und obwohl es über die letzten Jahre immer schwieriger geworden sei, die Kosten zu decken, sei der Club wirtschaftlich gesund gewesen. „Ich habe auch am letzten Tag noch mit dem Vermieter verhandelt, um zu schauen, dass das Project weiterlaufen kann, aber dort hat man sich dann leider dagegen entschieden.“ Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, es doch noch selbst weiterzuführen, aber nach fast 20 Jahren sei es der richtige Zeitpunkt für den Abschied gewesen: Mit 56 Jahren sei er langsam zu alt für das Nachtleben und er wolle sich auf das Wirtshaus „Die Breze“ und ein weiteres, gerade entstehendes Wirtshausprojekt in Hall konzentrieren.
Kurt Duracher, ehemaliger Project-Betreiber
Erschwerte Bedingungen.
Es sei die letzten Jahre nicht einfach gewesen, mit dem Project erfolgreich zu sein. Als Grund nennt Duracher zum einen das veränderte Ausgehverhalten mit weniger durchfeierten Nächten und vor allem weniger Ausgaben für Eintritte und Getränke, andererseits auch eine zunehmende Eventisierung: „Festivals waren immer schon ein Problem. Wenn Bonanza war, war das ganze Wochenende nichts los bei uns, und Festivals und andere Events werden immer mehr, dauern immer länger“, erklärt er. Früher seien die Leute danach noch in die Bögen weitergezogen, heute gehe man direkt heim – und mit dem Angebot von solchen Veranstaltungen könne man als Club schwer mithalten.
Das unterstreicht auch p.m.k-Geschäftsführer David Prieth: „Special Events setzen die Clubszene unter Druck. Die Leute erwarten sich aktuell etwas Aufregenderes als den normalen Cluballtag.“ Zusammen mit dem spätestens seit Corona wesentlich zurückhaltenderen Ausgehverhalten und der gesteigerten Lärmsensibilität der Anrainer:innen sei das ein großes Problem für die Szene, auch international: Laut einer Studie der Berliner Club Commission haben in der als Party-Hochburg bekannten Stadt letztes Jahr 46 Prozent der Clubs mindestens einmal darüber nachgedacht, zu schließen, ähnliches höre man auch aus anderen Städten.
Ausgaben
der Stadt 2024 für Festivals
(Kulturbudget)
Gans Anders Festival
3.000 Euro
Krapoldi Festival
30.000 Euro
Alles Gute Festival
35.000 Euro
Bogenfest
69.392 Euro
New Orleans Festival
268.168 Euro
Innsbrucker Festwochen
der Alten Musik
974.673 Euro

David Prieth, p.m.k-Geschäftsführer
Einfach sterben lassen?
In einer kleinen Stadt wie Innsbruck lasse sich auch der Verlust einzelner Clubs nur schwer kompensieren. „Ich glaube, dass ganz viele unterschätzen, was das für eine Wüste hinterlassen wird“, so Prieth. Was jetzt schließt, werde nicht so bald wieder aufsperren – sofern überhaupt etwas nachkomme. „Ich frage mich selbst auch immer wieder, jage ich eigentlich einem Phantom nach, das es nicht mehr gibt, kann man das vielleicht einfach sterben lassen, wenn niemand hingeht? Aber ich glaube, dass diese Räume fehlen werden.“ Es werde immer Orte brauchen, wo man mit anderen in Kontakt treten, gemeinsam tanzen, miteinander reden könne – abseits von Arbeit und Selbstoptimierungsdrang.
Das könnte theoretisch auch der öffentliche Raum bieten, aber Festivals und andere Open-Air-Events haben es ebenfalls nicht leicht in Innsbruck. Prieth ist Mitorganisator des Alles Gute Festivals, das im August über die Bühne gegangen ist und gerade auf Messers Schneide steht: Der Festivalteil in der Innenstadt werde in dieser Form wohl nicht mehr passieren. „Für uns vier Crews (p.m.k, Die Bäckerei, Arche*Ahoi, Bonanza, Anm.) ist klar, dass es in der Stadt ohne Eintritt funktionieren muss.“ Man sei bewusst im öffentlichen Raum, um das Festival möglichst vielen zugänglich zu machen, deshalb sollte es auch kostenlos sein – in der aktuellen Form sei das wirtschaftlich aber nicht umsetzbar.
Dazu kommt, dass Innsbruck generell ein schwieriges Pflaster für Open-Air-Veranstaltungen ist: Neben widersprüchlichen Regelungen zum Lärmschutz und anderen rechtlichen Schwierigkeiten fehlen schlicht die Räume – und wenn hier nicht mehr zur Verfügung gestellt wird und gleichzeitig weiter Clubs zusperren, wird es langsam, aber sicher wirklich eng für die Club- und Veranstaltungsbranche.

Georg Willi, Vizebürgermeister und Kulturstadtrat
Unklare Zuständigkeit.
Darauf angesprochen, ob Clubkultur und das Feiern im öffentlichen Raum für die Stadt relevant sei, antwortet Kulturstadtrat und Vizebürgermeister Willi Georg mit einem klaren Ja: „Clubkultur ist gerade für eine Universitätsstadt wie Innsbruck wichtig.“ Fest steht aber auch: Clubs werden nicht vom Kulturamt gefördert. Die Zuständigkeit sei unklar. „Das Thema Clubkultur wird leider wie eine heiße Kartoffel hin und her geschoben“, so Willi. Er sieht Clubs als Wirtschaftsbetriebe und damit dem Wirtschaftsressort zugeordnet, auch wenn es Schnittmengen mit den Bereichen Kultur und Bürger:innenbeteiligung gebe.
Trotz der fehlenden klaren Zuständigkeit sieht Willi die Politik in der Verantwortung: „Die Stadt soll die Schaffung einer Grundinfrastruktur unterstützen, Räume im eigenen Wirkungsbereich zur Verfügung stellen und bei bürokratischen Hürden helfen.“ Eine dieser Grundinfrastrukturen ist die Alte Deponie, auf der die Kollektive Bonanza und Gans Anders mit dem Gabonsa Festival zuletzt einen Probelauf durchgeführt haben. Laut den Veranstalter:innen habe die Location auf jeden Fall Potenzial, ein Zuhause für Open-Air-Events zu werden, es fehlen dort aber unter anderem Strom- und Wasserversorgung sowie Infrastruktur, die auch kleineren Akteur:innen eine Nutzung ermöglichen würde. Ein Austausch mit der Stadt habe dazu bereits stattgefunden, Willi befürwortet die dort nötigen Investitionen: „Mein Ziel ist es, dass wir diesen Prozess rasch und effektiv weiterführen und die nötigen Investitionen tätigen, damit die Fläche möglichst schnell auch für kleinere Betreiber:innen zugänglich wird.“ Gleichzeitig sei es entscheidend, zügig weitere Flächen für die Kultur- und Clubszene zu erschließen.
Aus für die Innsbruck Club Commission
Nachdem vor ein paar Monaten schon das Ende des von der Innsbruck Club Commission durchgeführten Projekts „Luisa ist hier“ bekannt wurde, ist inzwischen auch offiziell, dass sich der Verein Innsbruck Club Commission mit Ende des Jahres auflösen wird. Der Grund: Ohne Budget sei es nicht möglich, die Aufgaben einer Club Commission – von Lobbying bis zur Schaffung einer Servicestelle für Clubs – zu erfüllen. Dass eine Club Commission erfolgreich sein kann, zeigt unter anderem das Wiener Äquivalent, das unter anderem Veränderungen im Wiener Veranstaltungsgesetz erwirken und das Projekt „Free Spaces“ zum Feiern im öffentlichen Raum umsetzen konnte – dort werden allerdings auch mehrere Teilzeitstellen sowie ein Büro finanziert, während man in Innsbruck auf ehrenamtliche Arbeit angewiesen war.
Keine Clublocations.
Ein Teil dieser Neuerschließung erfolgt im Rahmen der Kulturrauminitiative der Stadt, die von Kulturraummanager Thomas Bonora begleitet wird. Anfang Juli wurde ein Portfolio mit Räumen präsentiert, die ausdrücklich für die Nutzung durch Kulturschaffende vorgesehen sind. Bonora stellt jedoch klar: „An keiner der Locations ist ein Club oder ein Konzert umsetzbar.“ Vielmehr seien die Räume als „Produktionsstätten, Ateliers, Treffpunkte, Proberäume und Begegnungsorte“ gedacht. Interessenbekundungen habe es dafür bereits gegeben. „Der nächste Schritt ist, zu evaluieren, was umsetzbar ist, welche Rahmenbedingungen gelten und welche behördlichen Vorgaben einzuhalten sind“, so Bonora. An manchen Orten könne voraussichtlich bereits im Spätherbst mit dem Einzug gerechnet werden. Für die Clubs bleibe dies jedoch ohne Nutzen.
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