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NOVEMBER 2015

Essay

Das Einhorn kommt nicht mehr

Träume sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

W

o bitte sind eigentlich die Zeiten geblieben, als man noch anständig geträumt hat? Jetzt nicht vom neuen iPhone in Roségold oder 100 Likes für das Seht-mal-wie-gesund-ich-mich-ernähre-ihr-Bitches-Foto vom Wochenende, sondern so auf schön. Im Schlaf. U2-Phase und so weiter. Träumen von einer Blumenwiese mit den allerköstlichsten Marzipanrosen drauf zum Beispiel und einem friedlich grasenden Einhorn mit seiner kleinen Einhornfamilie nur einen Regenbogen entfernt. Ja, oder von dieser schwedischen Damenblasmusikkapelle, die „Blue Rondo à la Turk“ von Dave Brubeck in einem hinreißenden Arrangement spielt und die Töne aus ihren Schoko-Trompeten, -Hörnern, -Posaunen und -Tubas als zarteste Marshmallows in den lilablassblauen Himmel pustet. Ach, wie wohl wird mir ums Herz.

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Stattdessen: abstürzende Lifte, ausfallende Zähne, wie angewurzelt stehen bleiben, obwohl man tunlichst weglaufen sollte, Nacktspaziergänge auf Einkaufsstraßen, Stegreifreden vor abartig anspruchsvollem Publikum. Und noch ganz, ganz viel andere Psychoscheiße. Man kann sagen: Träumen ist heute echt der Albtraum.

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Wobei das stimmt jetzt auch wieder nicht: Weil ein gescheiter Albtraum geht ja auch anders. So auf gruselig. Stichwort: die böse Hexe Kniesebein, Freddy Krueger, Kim Kardashian und so weiter. Stattdessen: Irgendetwas funktioniert nicht, muss aber unbedingt.

Man kann sagen: Ich kann im Traum nur mehr Probleme.


So ist das jedenfalls bei mir. Man kann sagen: Ich kann im Traum nur mehr Probleme. Neulich zum Beispiel träume ich, mir geht ein massiver Metallstab durch den Unterschenkel. Keine Ahnung, wie ich mir das Ding durch die Wade gerammt habe, ein Arbeitsunfall wird es jetzt nicht gewesen sein, wenn Sie mir diese empirisch nicht ganz unbegründete Annahme erlauben, es ist halt einfach da, dieses Eisentrumm. Schlimm an der ganzen Sache sind aber nicht etwa die Schmerzen oder die Angst, nie mehr als Strumpfhosen-Model tätig sein zu können, sondern der Umstand, dass ich um 13.30 Uhr einen Behandlungstermin in der Unfallambulanz bekommen habe, den ich verständlicherweise ganz gerne wahrnehmen würde. Aber ich finde die dämliche Klinik einfach nicht! Keine Chance.

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Ich irre unablässig durch die Straßen – Anich, Kaiser Josef, Schöpf, Maximilian, Müller, das volle Programm –, und mit jedem Mal, wenn ich in der Hoffnung, endlich auf dieses Elendshospital zu stoßen, um die Ecke biege und wieder nichts finde, wächst die Panik weiter. Weil: Nein, wie das aussehen würde, wenn du einfach nicht auftauchst bei dem Termin. Unhöflich, superpeinlich. Das kannst du nicht bringen, uaaah. Und: uoooh.

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Ja ja, da sieht man es wieder: Dieser Park, pflichtbewusst bis in den Traum. Meine Ehre heißt Ulrike.

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Wenn Sie jetzt Gesellschaftskritiker sind oder einen Primar in der Nachbarschaft haben, den sie nicht leiden können, sagen Sie vielleicht, weit haben wir es mit unserem Zwei-Klassen-Gesundheitssystem gebracht, dass ein armer, unterversicherter Eierbär aus dem journalistischen Prekariat schon von Terminvergaben in der Notaufnahme träumt. Wenn Sie Psychoanalytiker sind, sagen Sie vielleicht, hochgradig deviant der Mann, ziemlich sicher impotent und jede Menge ganz schiache ungelöste Konflikte aus der Kindheit. Wenn Sie jetzt einfach nur so ein Leser sind, wofür Sie sich übrigens grundsätzlich fast gar nicht zu schämen brauchen, sagen Sie vielleicht, was soll dieses selbstreferentielle Herumgeeier, wann schreibt der Idiot wieder einmal einen halbswegs normalen Text mit einer anständigen Pointe.

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Weil, wenn ein Text einfach so aufhört, das ist ja wohl das Letzte.

 

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