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MAI 2017

Essay

Digitale Terrorgruppe

Früher war alles besser.

E

s ist ja nicht so, dass früher wirklich alles besser war. Streptokokken waren 1973 genau dieselben Drecksbakterien wie heute. Auch im Bereich Musical oder Arbeitslosigkeit hat sich, wenn Sie mich fragen, wenig getan. Die ganz große Kacke wie eh und je. Jetzt einmal gesellschaftspolitisch betrachtet.

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Man neigt trotzdem dazu, der Vergangenheit nur die vorteilhaftesten Attribute zuzuschreiben. Super, lässig, prima und so weiter. Und womit? Mit Recht. Weil: All jenen, die glauben, bei WhatsApp handle es sich um einen zwar sagenhaft hässlich designten Messagingdienst und SMS-Killer, der Datenschutz maximal zur Kenntnis nimmt, letztlich aber doch sehr praktisch ist, kann ich nur zurufen:

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Bitte, ich nehme mich von diesem durchaus harschen Urteil nicht aus. Eine Zeit lang dachte ich, WhatsApp, das ist eine feine Sache. Für Geheimagenten, denen unerwartet der Entschlüsselungsspezialist abgesprungen ist, zum Beispiel. Toll stelle ich mir es auch für Leute vor mit Verwandtschaft auf anderen Kontinenten oder so. Dann weiß auch Tante Susie aus Mässetschusätz, dass eben die Pizza angebrannt ist.

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Ich selbst verschicke über diesen beliebten Dienst an ausgewählte Empfänger meist unverfängliche Botschaften, die Einladungen zu einem Bier oder dergleichen zum Inhalt haben. (Eierlikör kann man leider mit den superpraktischen Emojis nicht angemessen darstellen. Viele ausgewählte Empfänger sind der Meinung, Gott sei Dank.) Das ist jetzt nicht besonders fortschrittlich, hat aber im Vergleich zu einem Anruf wenigstens den Vorteil, dass man um zehn Uhr vormittags nicht wie der größte Alkoholiker von da bis Texas dasteht. Und falls doch, wenigstens ohne Likör-Stigma.

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Jedenfalls, die Wahrheit über WhatsApp lautet: Der Betrieb dieser Applikation ist nicht viel weniger als ein Fulltime-Job. Zumindest wenn man unversehens in eine dieser Gruppen gerät, die immer irgendein Genie anlegt, um sich darin ... nun ja, nennen wir es einmal: auszutauschen.

Der Betrieb dieser Applikation ist ein Fulltime-Job.

 

Immer wenn mein Handy im Zehn-Sekunden-Takt zu piepen beginnt, denke ich mir ja für einen kurzen Moment noch: Ein fehlgeleiteter Hackangriff auf ein iranisches Atomprogramm hat sich in dein bedeutungsloses mobile home verirrt.

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Das nicht unerhebende Gefühl, sich plötzlich mitten im Orkan des Weltgeschehens wieder zu finden, währt aber nur kurz. Das sind nämlich einfach nur simple Nachrichten. An mich. Also im weitesten Sinne halt. Meistens geht es darum, eine Frage zu klären wie: Kann jemand in diesem superangesagten neuen Lokal einen Tisch reservieren? Man kann sagen: Diese Aufgabe wird von der Handvoll Gruppenmitgliedern unter tatkräftiger Nicht-Teilnahme meinerseits und beherzter Nicht-Berücksichtung sämtlicher orthographischer und grammatikalischer Regeln der deutschen Sprache auch routiniert gelöst.

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Nur zwei Stunden und 57 Nachrichten später ist klar, dass das Lokal ja samstags überhaupt nicht geöffnet hat. Vielleicht jedenfalls. Spontan beschließt man deshalb, zur Verifikation die Nummer der Schasbude ausfindig zu machen (15 Nachrichten), um dann bei Vorliegen des Kontakts zu beratschlagen, wie weiter zu verfahren sei (11 Nachrichten). Selbstredend im Rahmen der digitalen Terrorgruppe.

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Man fragt sich unweigerlich: Wie haben wir das denn früher zusammengebracht? Und mit früher meine ich jetzt eher: in der guten alten Zeit, als man das Handy noch zum Telefonieren verwendet hat. Vom immobilen Paläolithikum, als man sich todesmutig zwei Tage im Vorhinein so gegen vier beim „Konsum“ verabredete, vorausgesetzt es regnet nicht, nieseln wäre aber noch okay, weil da nimmst du halt deinen Champion-„Regenschutz“ mit, brauchen wir ja überhaupt nicht zu reden.

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Also ich sage mal so: Es ist schon erstaunlich, dass heute überhaupt noch irgendwer Zeit für irgendwas findet. Sie zum Beispiel für diesen Text.

 

jfpar[email protected]