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MAI 2017

Editorial

Über unnützes Wissen und nützliche Unwissenheit

S

echsjährigem wird ein letzter großer Wunsch erfüllt. Zehn Dinge, an denen er merkt, dass sie Sex will. Er machte ihr einen Antrag am Sterbebett, kurz bevor sie glücklich einschlief. Mann überlebt Autounfall, Frau und drei Kinder sterben. Im Krieg hat er nicht nur seine Familie, sondern auch sein Augenlicht verloren.

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Sind diese Dinge immer schon passiert? Ja. Habe ich sie vor Facebook und Co. jeden Tag erfahren? Nein. Aufgrund der Tatsache, dass wir immer und überall online sind, hat sich unser Leben nicht nur zum besseren verändert. Natürlich möchte ich auf vieles nicht verzichten müssen, was mir die moderne Welt ermöglicht, doch immer öfter steigt in mir der Wunsch auf, ein Telefon zu besitzen, mit dem man nur eine Sache kann: telefonieren. Zu viel Information und zu viel Echtzeit gibt einem das ständige Gefühl, etwas verpassen zu können. Dabei ist das, was man verpassen würde, Information, die einem zum großen Teil nichts nützt, vielleicht sogar schadet.

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Das fängt bei Meldungen rund um das Weltgeschehen an und hört bei WhatsApp-Nachrichten, die vor allem Kommunikations-Unfähigkeit beweisen, auf. Im ständigen Bewusstsein, dass etwas passiert, das ich auch wissen sollte, liegt nämlich ganz viel Unruhe und noch mehr Unzufriedenheit begraben. Der Preis, den man für Online-Abstinenz bezahlen würde, wäre hingegen verschmerzbar. Ich erfahre viele Geschehnisse, die mich traurig oder wütend machen, nicht und im Gegenzug kann ich nicht immer mitreden.

Dabei ist das, was man verpassen würde, Information, die einem zum großen Teil nichts nützt, vielleicht sogar schadet.

 

Das klingt für mich nach einem fairen Tausch. Meine Freunde attestieren mir Steinzeit-Attitüden, dafür muss ich keine kranken WhatsApp-Konversationen verfolgen, die mir tagtäglich aufs Neue beweisen, dass uns das Internet vor allem eines verlernt hat: die Fähigkeit, klar und effizient zu kommunizieren. Das einfache Ausmachen eines gemeinsamen Treffpunktes kann da schon einmal fünf Handybildschirmseiten füllen. Wenn der Termin dann  zustande kommt, gehen dann gleich noch mal drei Bildschirmseiten mit Meldungen über Verspätungen oder sonstige entbehrliche Informationen drauf.

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Nachdem sich der Lauf der Dinge wohl kaum aufhalten lassen wird, kann jeder nur selbst an der Veränderung dieses unsäglichen Trends arbeiten. Der Schlüssel dafür ist eine Methode, die man hauptsächlich bei Kindern anwendet: zumindest zeitweise Online-Abstinenz. Real und auf Erwachsene angewandt bedeutet das, onlinefreie Zeiten einzuführen, die man zum Beispiel mit einem Film oder einer Serie (Anfänger), einem guten Buch (Fortgeschrittene) oder einer echten Konversation (Master-Klasse, teilerleuchtet) nützt. Bei all diesen Ersatzhandlungen sucht man sich das Thema, das einen interessiert oder auch belastet, nämlich selbst aus und ist nicht länger hilfloser Passagier der Überinformations-Maschinerie.

 

m.steinlechner@6020stadtmagazin.at