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MAI 2016

Essay

Kein Blutbad

Das Männerhaar und seine Pflege in der zeitgenössischen Marktkommunikation

W

as mich nicht schlafen lässt, ist ja weniger die Frage, ob jetzt tatsächlich der nette Onkel dieser gleichermaßen gefürchteten wie belächelten Radikalenpartei Bundespräsident wird oder doch Norbert Hofer. Nein, viel mehr, ja fast möchte ich sagen: ausschließlich verwehrt mir eine an unerwarteter Stelle dargereichte Information neuerdings Morpheus’ gnadenbringende Umarmung.

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Bevor ich Sie allerdings darüber näher in Kenntnis setze, lassen Sie mich etwas zum von Ihnen dankenswerterweise eben durchlittenen Einstiegsgag festhalten: Dass ich hier auf Kosten der großartigen Institution des Bundespräsidenten, unseres geliebten Staatsoberhauptes, das was ja ein Verfassungsorgan erster Güte ist, und der Grünen, die schon mindestens seit drei Attac-Konferenzen kein reiner Kifferverein und keine Stillen-bis-zum-siebten-Geburtstag-Partei mehr sind, meine müden Possen reiße, zeigt ja bitte wieder einmal nur: Politisch können Sie mich aber so was von vergessen.

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Ich bin so rücksichtslos, ich würde sogar über politische Minderheiten dumme Witze machen. Khol-Wähler zum Beispiel oder Hundtsdorfer-Richtigschreiber. Und ahnungslos bin ich, das geht ja auf gar keine Kuhhaut. Deshalb gibt es hier auch keine Erdogan-Satire oder so. Denn vom türkischen Prüsüdüntün kenne ich nur den Schnauzer. Und den seiner Gattin.


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Jedenfalls: Was mich nicht schlafen lässt, ist mein Haarshampoo. Genauer gesagt eine auf dem nämlichen Pflegeprodukt prangende Aufschrift, die ich neulich während meiner hastig vorgetragenen Reinigungsroutine erblickte. In großsprecherischer Manier, wie sie in der Welt der schnelldrehenden Konsumgüter üblich ist, informierte man mich, dass das vorliegende, auf die Bedürfnisse des modernen Mannes perfekt abgestimmte Haarwaschmittel, das zu kaufen ich mich als offenkundig moderner Mann erfreulicherweise befleißigt hätte, über eine – und jetzt kommt’s – „Schutzschild-Technologie für die Kopfhaut“ verfüge.

Politisch können Sie mich aber so was von vergessen.

 

Ja, richtig, eine Schutzschild-Technologie. Wie beim Sternenzerstörer der Exekutorklasse oder dem südkoreanischen Nordkoreanische-Raketen-Abwehrprogramm. Für einen Moment war ich versucht, gleich an Ort und Stelle nachzuweisen, wie wenig weit her es mit dieser läppischen Schutzschild-Technologie ist. Doch ich besann mich und verzichtete schließlich darauf, meinen Kopf mit einem spitzen Gegenstand zu malträtieren, was mir zwar vielleicht eine lobende Erwähnung im einen oder anderen Konsumentenmagazin, aber zugleich ein  Blutbad im Wortsinn eingebracht hätte, und schüttelte diesen stattdessen bloß auf das Heftigste.

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Weil es ist ja so: Wie kann man nur so einen Bullshit auf eine Verpackung drucken lassen? Wie kann man ein simples Shampoo zu einer hoch-technischen Angelegenheit stilisieren? Das gibt es ja nicht.

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Bebend vor Empörung las ich weiter: „Dieses hochwirksame Shampoo reinigt Kopfhaut und Haare gründlich – für griffiges, gut kontrollierbares Haar.“ Klar, das ist es ja auch, was wir Männer von einem Shampoo erwarten. Denn wie heißt es so schön? Unsere Haare mögen wir wie unsere fünfundzwanzig Jahre jüngeren Freundinnen: gut kontrollierbar. Weil wir fucking Männer sind, die mit harter Hand die Geschicke dieser Welt lenken.

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So und damit sind wir an einem Punkt angelangt, wo selbst ich mich frage: Warum erzähle ich Ihnen das überhaupt? Na ja, vielleicht deshalb: Es ist, ganz manchmal, auch nicht mehr so leicht ein Mann zu sein, ohne sich dabei verarscht vorzukommen. Und Österreicher eigentlich auch nicht.    

jfpark@6020stadtmagazin.at