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MÄRZ 2020

Lustvoll im Katastrophen-Ich fischen

In seinem Programm „Goldfisch“ übernimmt Manuel Rubey erstmals kabarettistische Alleinverantwortung und spürt dabei am 12. und 13. März auch im Treibhaus seinem Katastrophen-Ich nach. 6020 hat Rubeys Solo-Trip schon vorab gesehen und mit ihm über das Hadern und Hader, seine Versöhnung mit Falco und den Vorsatz, endlich im Sinne der Endlichkeit zu leben, gesprochen.

Interview: Christiane Fasching
Foto: Ernesto Gelles

Für Manuel Rubey lief es schon mal besser. Die Mutter seiner beiden Töchter hat ihn „vorübergehend“ verlassen, weil sie es satt hatte, dass er alles auf die lange Bank schiebt. Vielleicht hatte ihr Schritt aber auch mit seiner eigenwilligen Interpretation von Treue zu tun. Egal. Geblieben ist ihm ein Goldfisch-Glas samt lebendem Inhalt. Und die Erkenntnis, dass er lieber Leute spielt, die arbeiten, als selbst zu arbeiten. Muss man sich jetzt Sorgen um den 40-jährigen Schauspieler, Kabarettisten und Sänger machen, der bislang auf vielen Bühnen Erfolge feierte? Nein – muss man nicht. Ist nämlich alles nur Show. Zumindest zu einem großen Teil. 

6020:

In Ihrem Solo-Debüt „Goldfisch“ begegnet man einem sitzengelassenen Egomanen mit Hang zum Prokrastinieren, einer leidenschaftlichen Listen-Lust und der Erkenntnis, vielseitig desinteressiert zu sein. Wie viel Wahrheit, wie viel Katastrophen-Rubey steckt da drin?
Manuel Rubey: Ganz genau beziffern kann ich das nicht, aber es ist sicher mehr als die Hälfte mein erfundenes Katastrophen-Ich. Zum Glück – denn es wäre ja auch ein bisschen gar simpel, sich einfach hinzustellen und Tagebucheinträge auswendig zu lernen.

 

Die Idee für das Solo tragen Sie seit mehr als zehn Jahren mit sich herum. Warum haben Sie erst 40 werden müssen, um kabarettistische Einzelverantwortung zu übernehmen?
Wahrscheinlich trag ich den Solo-Wunsch sogar schon länger als 20 Jahre spazieren: Der Gedanke dazu kam mir nämlich, als ich Josef Haders Programm „Privat“ gesehen habe – und davon total begeistert war. Dass die Umsetzung dann so lange gedauert hat, ist damit zu erklären, dass weder das Privat- noch das Berufsleben richtig planbar ist. Die schönen Dinge, die passiert sind, waren nicht auf meiner Agenda. Sie haben mich Umwege gehen lassen, die ich aber gern gegangen bin. Dazu kam auch eine gewisse Angst: Weil alleine auf der Bühne zu stehen, heißt auch, alleine die Verantwortung zu tragen.


War Ihr 40. Geburtstag problematisch für Sie?
Es war tatsächlich der erste Geburtstag überhaupt, der mich nachhaltig beschäftigt hat. Ich hab mir im Vorfeld nämlich gedacht, dass 40 schon irgendwie komisch ist – weil man mit 40 alt ist. Und wer will schon alt sein? Aber ich hab es im Nachhinein ganz gut

„Ich freue mich auf alle Fälle über diese altmodischen Menschen, die es sich noch antun, sich eineinhalb Stunden wo rein zu setzen.“

Manuel Rubey

Sie haben acht Jahre lang mit Thomas Stipsits ein eingeschworenes Kabarett-Duo gebildet. Fühlt sich Ihr Alleingang jetzt komisch an?
Interessanterweise fühlt es sich gar nicht so anders an, weil man im besten Fall ja eh mit dem Publikum eine Gemeinschaft bildet. Ich merke nur, dass es anstrengender ist. Im Duo hab ich mich auch mal ein paar Minuten zurücknehmen können, wenn der Thomas einen Monolog hatte. Sprich: Ich war dann zwar physisch anwesend, aber gedanklich hab ich kurz Pause machen können. Das geht jetzt natürlich nicht mehr.


Zuschauer tendieren dazu, den Schauspieler mit seiner Rolle gleichzusetzen. Haben Sie irgendwann auf Falco-Zurufe reagiert?
In den ersten paar Jahren nach dem Film waren solche Zurufe so präsent, dass ich reagieren musste. Und bis zu einem gewissen Grad ist dieses Gleichsetzen von Schauspieler und Rolle ja auch okay: Bei bestimmten Serien ertappe ich mich ja selber, dass ich das genauso mache. Vielleicht ist das auch ein bisschen Part of the Deal: Um in eine Geschichte einzutauchen, muss man ja auch glauben, was da passiert.


In „Goldfisch“ nehmen Sie den nunmehr verblassten Falco-Stempel mit Humor. Hatte das Programm somit auch therapeutische Wirkung?
Ich schau mittlerweile sehr gern auf diese Rolle zurück, weil sie ja auch ein großer Türöffner für mich war. Gleichzeitig bin ich aber froh, dass ich meinem Bauchgefühl getraut habe – und nie mehr irgendeine Falco-Geschichte angenommen habe. Was für mich tatsächlich eine therapeutische Wirkung hatte, war der Schreibprozess, weil ich mich hier mit meinen Ängsten, meinen Fehlern und meinem Mir-nicht-Genügen auseinandersetzen konnte.

„Bei mir denken sich sicher genügend Leute, dass sie für mich ‚linke Zecke‘ keinen Eintritt zahlen wollen.“

Manuel Rubey

Der namensgebende Goldfisch hat eine Aufmerksamkeitsspanne von elf Sekunden. Der Mensch schweift gedanklich schon nach acht Sekunden ab. Theoretisch könnten Sie auf der Bühne also eh wuascht was machen – wir erinnern uns ja nicht.
Wir schauen 250 bis 300 Mal am Tag aufs Smartphone – und sind dadurch so abgelenkt, dass wir erst ein paar Minuten brauchen, um uns wieder auf die eigentliche Tätigkeit zu konzentrieren. Wer sich für multitaskend hält, irrt sich also gewaltig. Ich wollte in das Programm ursprünglich tatsächlich alle zehn Minuten eine Werbeunterbrechung einbauen, hab diese Idee dann aber wieder verworfen. Ich freue mich auf alle Fälle über diese altmodischen Menschen, die es sich noch antun, sich eineinhalb Stunden wo rein zu setzen. Bei mir hat sich da nämlich schon was geändert: Bevor ich ins Theater gehen, schau ich, wie lange das Stück dauert – weil mehr als zwei Stunden traue und mute ich mir als Zuschauer nicht mehr zu.


Ist dieses Goldfischeln ein Zeichen unserer Zeit?
Auf alle Fälle. Aber das soll jetzt nicht so klingen wie die vermeintliche Weisheit, dass früher alles besser war. Ich bin durchaus froh, um die Chancen und Möglichkeiten, die uns dieses ständige Vernetztsein gibt – aber mir sind eben auch die Gefahren bewusst. Wir, die wir keine Digital Natives sind, haben das Internet leider nach wie vor nicht im Griff. Es ist zwar unfassbar toll, dass wir das gesamte Weltwissen mit uns herumtragen und permanent nutzen können. Aber wir dürfen darüber hinaus halt nicht vergessen, dass das echte Leben im Hier und Jetzt passiert.


Am 20. März startet auch Ihr neuer Kinofilm „Waren einmal Revoluzzer“, der um zwei liberale Pärchen kreist, die einem russischen Freund aus Studienzeiten zur Flucht nach Österreich verhelfen. Und als dieser mit seiner Familie dasteht, ihr Tun bereuen. Klingt irgendwie nach einer Schelte für engagierte „Gutmenschen“.
Nein, Schelte soll das keine sein. Vielmehr soll der Film eine kritische Auseinandersetzung mit unserer vermeintlich aufgeklärten, urbanen Generation sein, die schon auch eine Doppelmoral lebt. So von wegen: BMW fahren und Grün wählen, Ute Bock toll finden, aber die Kinder in eine katholische Privatschule schicken. Da dahinter zu schauen, hab ich spannend gefunden.


Sie machen sich seit jeher für Minderheiten und gegen Ausgrenzung stark. Hat Sie dieses soziale Engagement auch schon einmal um Jobs gebracht?
Konkret sagen kann ich das nicht, weil diese Entscheidungen ja zu wenig transparent getroffen werden. Aber ich kenne genug Kollegen, die eine ähnliche politische Einstellung haben wie ich, diese aber für sich behalten. Mit dem Argument, dass sie sich dadurch ja bei einem Teil ihres potentiellen Publikums unbeliebt machen würden. Bei mir denken sich sicher genügend Leute, dass sie für mich ‚linke Zecke‘ keinen Eintritt zahlen wollen. Aber das nehm ich in Kauf: Meine Äußerungen sind Notwehr – und ich hör damit auch nicht auf.


Stichwort Aufmerksamkeitsspanne: Können Sie Sich noch an die Einstiegsfrage erinnern?
(überlegt) Nein – leider nicht konkret. Irgendwas mit Goldfisch? Dabei hab ich gar nicht parallel dazu ins Handy geschaut. Aber ich war so aufs Antworten konzentriert. Rettet mich das?

Vielen Dank für das Gespräch.

Exkurs auf die Bühne: Der Katastrophen-Rubey sinniert über „Dinge, die man als junger Schauspieler nie hören will“. Etwa dass man der neue Harald Krassnitzer sei oder ein super Gehirn-Double für Nina Proll abgäbe. Und dann singt er sich ins Gestern. Und erinnert an jene Zeiten, in denen FS1 so hip wie Netflix war, es überall nach Zigaretten und Filterkaffee roch und man am Telefon nie gefragt wurde, wo man gerade sei. Monchichi-Besitzern dürfte dieser gesangliche Nostalgie-Trip des Familie-Lässig-Frontmanns gefallen. Genauso wie Rubeys Behauptung, dass er es einst war, der den Grunge über Niederösterreich nach Europa brachte. Ganz zu schweigen von Falcos Karriere, die eigentlich auch auf seine Kappe geht.