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MÄRZ 2020

A Mensch möcht i bleiben

Älteren Leuten Zeit schenken, stundenlang im Rettungswagen auf Achse sein, der Demokratie und Turntalenten auf die Sprünge helfen – und das alles aus freien Stücken. 6020 wollte herauszufinden, warum sich hierzulande so viele Menschen freiwillig ins Zeug legen. Kann ein Lächeln Geld ersetzen?

Text: Christiane Fasching
Foto: Franz Oss
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err S. kann es kaum erwarten, bis endlich wieder Dienstag ist. Denn immer dienstags klingelt Susan an seiner Tür und holt ihn zu einem Spaziergang ab. Mit dem Gehen tut sich Herr S. seit einer Erkrankung schwer, der Innsbrucker ist die meiste Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen. Und froh um jede Hilfe. Seine Frau ist wie er nicht mehr die jüngste, seine erwachsenen Kinder leben nicht in direkter Nähe und können sich nur sporadisch um ihn kümmern. Wie gut also, dass es Susan gibt: Seit einem Jahr dreht sie mit Herrn S. regelmäßige Innenstadt-Runden, die meist in einem Kaffeehaus enden. „Wir machen da auch immer unsere Bewertungen und haben mittlerweile schon eine richtige Kaffee-Vergleichs-Kartei angelegt“, schmunzelt die 25-jährige Psychologie-Studentin, die den Spaziergänger-Job auf der ÖH-Seite entdeckt hat. Ausgeschrieben hat ihn das Freiwilligenzentrum Tirol. Ergo: Bezahlt wird Susan nicht – was sie großartig findet. „Geld dafür zu bekommen, wäre total doof, weil das den Kontext voll verändern würde. So mache ich es, weil ich mag und nicht, weil ich bezahlt werde“, sagt Susan, die seit einem Jahr bei der Initiative der Caritas und der Barmherzigen Schwestern registriert ist.

 

Seit 2001 vernetzt die unabhängige Vermittlungsstelle potentielle Freiwillige mit jenen Einrichtungen im Land, die eng gierte Helfer für die unterschiedlichsten Bereiche suchen. Allein in Innsbruck und Innsbruck-Land sind zur Zeit knapp 1500 Freiwillige angemeldet. Die Mehrheit davon ist weiblich. Kann es sein, dass das Kümmer-Gen bei Frauen tatsächlich stärker ausgeprägt ist?

„Ich schenke Zeit und bekomme dafür ein Lächeln: Das ist ein extrem gutes Gefühl.“

Susan Härtel

Nutzen für das eigene Leben.

Zumindest bei Susan scheint diese Vermutung zu stimmen. Enthusiastisch schildert die Studentin die gemeinsamen Stunden mit Herrn S., der für sie längst zum Freund geworden ist. „Manchmal erzählt er mir von seiner Jugend und der Zeit, als er noch voll aktiv sein konnte. Und hin und wieder sitze ich dann noch mit ihm und seiner Frau zusammen und wir trinken ein Weinchen“, sagt Susan – und hält kurz inne. „Aber nicht dass jetzt alle meinen, ich mache das aus purer Selbstlosigkeit, ganz so altruistisch bin ich dann auch wieder nicht: All das hat auch einen Nutzen für mein Leben“, stellt sie klar. Und setzt nach: „Ich schenke Zeit und bekomme dafür ein Lächeln. Das ist ein extrem gutes Gefühl.“

 

Was Susan darüber hinaus toll findet, ist die Gewissheit, dass sie bei etwaigen Problemen immer jemanden von der Caritas hinter sich hat. „Man muss Konflikte oder Schwierigkeiten nicht alleine lösen, das hilft enorm“, sagt die Spaziergängerin, die durch den Kontakt mit Herrn S. begonnen hat, ans eigene Älterwerden zu denken. „Da würd‘ ich mich dann auch freuen, wenn sich ein jüngerer Mensch um mich kümmert.“

Helfen als Hobby.

Auch Veronika geht großzügig mit ihrer Zeit um: Seit 2012 gehört die 26-jährige MCI-Studentin zum Team des Roten Kreuzes Innsbruck – und ist in der Stadt damit eine von mehr als 800 Freiwilligen, die sich im gemeinnützigen Verein unentgeltlich engagiert. Im Schnitt ist sie pro Woche zwölf Stunden als Sanitäterin im Einsatz, doch es gibt auch Phasen, in denen sie satte 40-Stunden-Dienste absolviert. „Das geht sich halt nur aus, wenn ich Urlaub habe oder beim Studium nicht so viel zu tun ist“, sagt Veronika, die zusätzlich zu ihrer Ausbildung noch einen Brotjob stemmt. Scheint fast so, als hätte ihr Tag mehr als 24 Stunden. Wie schafft sie das? „Das ist eine Frage der Einteilung“, meint sie pragmatisch. Und erzählt auch noch von ihrer Ausbildung zur Notfall-Sanitäterin, die ihr das Rote Kreuz ermöglichte. Ist das ein Zuckerle, das einen vergessen lässt, dass man die ganze Arbeit für umsonst macht? „Das größte Zuckerle ist für mich die Gemeinschaft“, hält Veronika fest – und erzählt von Herbstausflügen, Weihnachtsfeiern und diversen Events, die für das Freiwilligen-Team auf die Beine gestellt werden.

„Das größte Zuckerle ist für mich die Gemeinschaft.“

Veronika Kinzner

Alles eitel Wonne, also? Nicht ganz. „Manchmal sind die Arbeitsbedingungen schwierig, weil viele Menschen nicht kapieren, dass die Rettung kommt, um zu helfen. Oft werden wir angepflaumt oder sogar an der Arbeit gehindert“, erzählt sie. Neuerdings ist es auch in Mode, die Rettungskräfte bei ihren Einsätzen mit dem Handy zu filmen und diese Videos – oft mit abschätzigen Kommentaren versehen – ins Netz stellen. „Dagegen kannst du kaum was machen“, meint Veronika nüchtern. Ihren unbezahlten Job liebt sie trotzdem. Weil die positiven Erlebnisse überwiegen. „Es gibt da die ganz großen Momente: Etwa wenn man bei einer Geburt dabei ist. Aber auch die kleinen Momente geben einem viel: Wenn mir ein älterer Mensch, dem wir bei einem Nachteinsatz geholfen haben, dankbar die Hand schüttelt, weiß ich, wofür ich das alles mache.“

Sonntags-Einsatz an der Urne.

Engagement zeigt Dominik bereits länger. Sein politisches Gewissen hat der 28-Jährige bei der Jugendorganisation der Gewerkschaft entdeckt. „Mich hat es schon immer fasziniert, der Demokratie zu ihrem Recht zu verhelfen“, erklärt der Tiwag-Sachbearbeiter mit einem Hauch von Pathos in der Stimme. Um Stimmen ging es auch bei der letzten Nationalratswahl, bei der Dominik erstmals als Wahlbeisitzer im Einsatz war. Nominiert hatte ihn die SPÖ, die sich – wie alle anderen Parteien auch – gar nicht leicht tat, genügend Freiwillige für diesen Sonntags-Dienst zu finden. Dabei wird dieser zumindest in Innsbruck sogar mit einer Aufwandsentschädigung von 70 Euro abgegolten. Doch seit der letzten Bundespräsidentenwahl im Jahr 2016 hat der Einsatz an der Urne einen negativen Beigeschmack bekommen: Denn nachdem die Wahl nach einem Auszählungsdilemma bekanntlich für ungültig erklärt wurde und wiederholt werden musste, blieb einigen Wahlbeisitzern sogar der Gang vor Gericht nicht erspart. „Das hat diesen Job nicht attraktiver gemacht“, meint Dominik, der seinerseits nicht lange überlegt hat, als er angefragt wurde.

 

Bereut hat er den knapp zehnstündigen Einsatz, dem eine virtuelle Einschulung vorausgegangen ist, übrigens nicht. Im Gegenteil: Auch bei der nächsten Wahl will er wieder Ausweise prüfen, Kuverts entgegennehmen, Abstimmungsverzeichnisse checken und mindestens drei Mal alle Stimmzettel zählen. Warum? „Weil auch die Demokratie gepflegt gehört.“

„Mich hat es schon immer fasziniert, der Demokratie zu ihrem Recht zu verhelfen.“

Dominik Pittracher

Schauen, dass der Laden läuft.

Drahtige Mädels wirbeln durch die Lüfte, zaubern leichtfüßig einen Salto nach dem anderen aus dem Hut und tun so, als wäre da nicht viel dabei. Auch Hanna sieht den Springmäusen mit gelassener Miene zu. Kein Wunder – für die 28-Jährige ist das Alltag. Seit 2014 ist die Innsbruckerin hauptberuflich als Kunstturn-Trainerin im Einsatz, davor war sie selbst 20 Jahre lang professionelle Kunstturnerin – und zwar recht erfolgreich. Die siebenfache österreichische Staatsmeisterin war auch bei Europa- und Weltmeisterschaften am Start und hat – wie sie selbst sagt – „alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe“. Übernommen hat sie vor sechs Jahren wiederum einen Job, um den kein großes Griss herrschte: Beim Tiroler Landesfachverband für Turnen ist Hanna Fachwartin fürs Frauenturnen – und damit Mädchen für fast alles. Sprich: Sie kümmert sich um den Mailverkehr, die Trainings-Anmeldungen, die Gruppenkoordination, die Nachwuchsarbeit und allen anderen organisatorischen Klein- und Großkram. Wenn etwa mal ein Trainer ausfällt, muss Hanna ratzfatz Ersatz finden – oder im schlimmsten Fall selber einspringen.

 

Gage gibt‘s für den ganzen Aufwand keine. Ein Umstand, der Hanna nicht weiter aufregt. „Das ist bei Funktionärstätigkeiten halt so.“ Dass ihr ehrenamtliches Engagement vielerorts gar nicht wirklich wahrgenommen wird, wurmt sie da schon etwas mehr. „Diese Jobs sind für den Sport extrem wichtig: Weil ohne sie läuft der Laden nicht“, ist Hanna überzeugt. Und weil sie ihren Sport innig liebt, nimmt sie es auch in Kauf, dass sie oft bis drei Uhr früh am Computer sitzt oder ihren freien Sonntag in der Turnhalle verbringt. „Solange der Spaß überwiegt, mach ich auch weiter“, sagt Hanna, die sich bewusst nicht ausrechnet, wieviel Stunden pro Woche sie „verschenkt“. Hanna: „Dann würd‘ mir der Spaß vielleicht doch vergehen.“

„Solange der Spaß überwiegt, mache ich auch weiter.“

Hanna Grosch

Mehr Infos:

Unter www.freiwilligenzentren-tirol.at findet man offene Stellen im Tiroler Freiwilligendienst. Das unabhängige Vermittlungszentrum bietet auch Beratungsgespräche für potentielle Freiwillige an. Zudem gibt es laufend Aus- und Weiterbildungsangebote für Freiwilligenkoordinatoren.

Unter www.roteskreuz-innsbruck.at kann man sich über die Freiwilligen-Angebote beim Roten Kreuz in Innsbruck informieren: Freiwillige werden nicht nur für den Rettungs- und Krankentransport gesucht, sondern u. a. auch für Essen auf Rädern, die Winternotschlafstelle, Krisenintervention oder die Österreich-Tafel.