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MÄRZ 2017

Ehrensache

Ehrenamt – was in den Ohren mancher verstaubt klingt, wird (zum Glück) immer populärer. Vor allem junge Menschen engagieren sich häufig ehrenamtlich. Was sind die Gründe dafür und welche Möglichkeiten gibt es in Innsbruck?

Foto: Axel Springer

„Ich habe jetzt einen ganz anderen Blick auf die Thematik“

Barnabas Kremser

Barnabas Kremser (20) aus Innsbruck gibt jeden Mittwochvormittag in der Wolfgangsstube in der Kaiserjägerstraße Frühstück an Obdachlose aus.

 

FREIZEIT SINNVOLL NUTZEN. Barnabas wurde vom Freiwilligenzentrum vermittelt.

 

 

6020:

Warum bist du ehrenamtlich tätig? Barnabas Kremser: Als Student habe ich relativ viel Freizeit und habe mir deswegen überlegt, wie ich diese Zeit sinnvoll nützen kann. Ich habe mich im Freiwilligenzentrum Tirol-Mitte über die Möglichkeiten informiert und dieses Ehrenamt hat mir sofort zugesagt. 

 

Was bringt dir dein Ehrenamt? Ich mache Erfahrungen, die ich sonst nicht machen würde. Ich habe jetzt einen ganz anderen Blick auf die Thematik Obdachlosigkeit. 

 

Was war das Berührendste, das du erlebt hast? Als mir Obdachlose erzählt haben, dass sie aufgrund der großen Kälte ab 3 Uhr morgens in der Stadt herumgewandert sind, um nicht zu erfrieren.

 

Wie lang wirst du das noch machen? Geplant war es eigentlich nur für ein Semester. Weil es mir so gut gefällt und der zeitliche Aufwand wirklich überschaubar ist, habe ich mein Engagement verlängert, zunächst mal mindestens bis zum Sommer. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

„Für mich ist das engagement ein Lebenselixier“

Mary Pagitz

Mary Pagitz (62) aus Innsbruck arbeitet seit vielen Jahrzehnten in den verschiedensten Bereichen ehrenamtlich.

 

ÜBERZEUGTE FREIWILLIGE. Mary leitet einen Singkreis und ist Lesepatin.

 

 

6020:

In welchen Bereichen sind Sie ehrenamtlich tätig? Mary Pagitz: Ich bin eine von über 30 Lesepaten und Lesepatinnen in der Volksschule Alt-Wilten und daher ein Mal wöchentlich in der Schule. Zwei pakistanische Buben kommen regelmäßig zu mir, wir machen Hausübungen, lernen oder spielen. Im Wohnheim Lohbach bin ich auf der Demenzstation alle zwei Wochen bei einem Singkreis dabei. Früher war ich unter anderem in der ISD-Nachbarschaftshilfe aktiv, beim Klinik Treffpunkt, in der Pfarre oder auch bei der Plattform für Alleinerziehende.  

 

Warum sind Sie in so vielen Bereichen ehrenamtlich tätig? Ein Ehrenamt ist sinnstiftend. Meine Tätigkeit entspringt auch einer gewissen Dankbarkeit dem Leben gegenüber, ich fühle mich sozial- und gesellschaftspolitisch mitverantwortlich für unsere Gesellschaft. Ein Ehrenamt ist nicht nur ein Geben, es kommt so viel zurück! Die älteren Menschen haben beim Singkreis so eine große Freude, da gibt es zum Beispiel einen älteren Herrn, der freut sich immer so sehr, wenn ich einfach nur seine Hand halte. Viele der Frauen und Männer singen mit, kennen die alten Lieder und erleben Minuten der Freude, Erinnerung und Entspannung. Als pensionierte Diplom-Gesundheits- und Krankenschwester ist mir das Thema Demenz etwas vertraut. Fortbildungstage der ISD bereichern das Wissen zusätzlich und sind sehr wichtig. Es ist außerdem sehr beglückend, die Fortschritte der pakistanischen Kinder zu beobachten. Wenn sie gute Tests schreiben oder gute Zeugnisse haben, freue ich mich über alle Maßen. Für mich ist das Ehrenamt auch ein Lebenselixier. 

 

Was war das Berührendste, das Sie erlebt haben? Das eine große Erlebnis gab es nicht. Es sind die vielen, kleinen Liebenswürdigkeiten, die das Ehrenamt bereichern, so wunderschön und wertvoll machen.

  

Vielen Dank für das Gespräch.

„Im Ehrenamt spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen wider“

Martin Lesky

Hier geht’s zum Ehrenamt: Das Freiwilligenzentrum Tirol-Mitte in der Heiliggeiststraße ist für viele Interessierte in Innsbruck die erste Anlaufstelle. Hier werden Freiwillige und Einrichtungen aus dem Großraum Innsbruck „zusammengebracht“. Leiter des Freiwilligenzentrums Tirol-Mitte ist Martin Lesky.

 

VERNETZER. Im Freiwilligenzentrum informieren sich auch immer mehr junge Menschen über das Ehrenamt.

 

 

6020:

Was macht das Freiwilligenzentrum Tirol-Mitte genau? Martin Lesky:Das sind im Groben vier Punkte: 1. Wir beraten Freiwillige und vermitteln sie an ca. 200 Einrichtungen wie Seniorenheime, den Alpenzoo, Büchereien etc. von Wattens bis Telfs. 2. Wir bilden Freiwillige und Freiwilligenkoordinatoren aus. 3. Wir organisieren Projekte, wie zum Beispiel das Schulprojekt „Zeit schenken“ – in zehn Jahren waren bei dem Projekt mehr als 1.000 Schüler in den verschiedensten Bereichen ehrenamtlich tätig. 4. Wir vernetzen die Einrichtungen untereinander.

 

Wer kommt zu euch und wie viele kommen zu euch? Wir vermitteln rund 120 Freiwillige pro Jahr. Die größte Gruppe sind Studenten. Heute engagieren sich viel mehr junge Menschen als noch vor zehn Jahren. Das Ehrenamt erlebt einen großen Wandel – das belegen auch zahlreiche Studien.

 

Warum sind gerade die Jungen ehrenamtlich tätig? Ein häufiger Grund: soziale Kontakte! Gerade Studenten kommen oft von überall her und suchen die Gemeinschaft. Ehrenamtliches Engagement ist sinnstiftend, bietet einen Mehrwert und führt zu einem Kompetenzerwerb. Die jungen Menschen wollen Einblicke erhalten und etwas dazulernen – schließlich werden Soft Skills immer gefragter. Ein Ehrenamt macht sich auch gut im Lebenslauf. Vor kurzem hat mir ein Bankdirektor erklärt: Wenn er 200 Bewerbungen hat, dann schaut er nach, wer bereits freiwillig gearbeitet hat. 

 

Welche Veränderungen bei den Ehrenamtlichen merken Sie sonst noch? Früher war der Grund für ein Ehrenamt vor allem der Wunsch, für jemand anderen da zu sein und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Die Freiwilligen von heute wollen sich selbst verwirklichen und mit ihren Ideen die Gesellschaft „im Kleinen“ mitgestalten. Die Ehrenamtlichen sind außerdem reflektierter als früher und fragen sich: „Was macht das Ehrenamt mit mir?“ und „Was habe ich von dieser Tätigkeit?“ Im Ehrenamt spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen wider. 

 

Hat sich auch die Art des Ehrenamtes verändert? Definitiv. Früher war ein Ehrenamt fast schon eine Sache fürs ganze Leben, heute wollen sich Menschen lieber projektbezogen, zeitlich begrenzt und mit klaren Aufgaben engagieren. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Studenten schenken Zeit

In Kooperation mit der Universität Innsbruck und der ÖH sucht das Freiwilligenzentrum Tirol-Mitte Studenten, die ca. zwei Stunden pro Woche ihrer Zeit für die Dauer von einem Semester zur Verfügung stellen.

Kontakt

Das Freiwilligenzentrum
Tirol-Mitte befindet sich in der Heiliggeiststraße 16. 

Die Öffnungszeiten:
Mo, Mi, Fr 9.30–12 Uhr, Do 14–17 Uhr und nach Vereinbarung. 

Telefon: 0512/72 70-35

E-Mail: [email protected]

 

Auf der Homepage gibt es einen guten Überblick über offene Stellen und Projekte (von „Schrauber für Fahrradwerkstatt gesucht“ bis „FAIR-Stärkung für den Weltladen Hall): www.freiwillige-tirol.at

„Immer mehr Berufstätige haben Interesse an einem Ehrenamt“

Susanne Seitz

Die Innsbrucker Sozialen Dienste (ISD) zählen knapp 500 Ehrenamtliche, der größte Teil engagiert sich in Heimen. Leiterin des ISD-Ehrenamt ist Susanne Seitz.

  

PROJEKT GEGEN EINSAMKEIT. Bei der „Nachbarschaftshilfe“ werden ältere Menschen besucht.

 

 

6020:

Merken auch Sie Veränderungen beim ehrenamtlichen Engagement? Susanne Seitz: Auf jeden Fall. Die langen Bindungen an ein Ehrenamt nehmen ab, passen für viele nicht mehr ins Lebenskonzept. Was uns sehr freut, ist die Tatsache, dass jetzt auch immer mehr Berufstätige Interesse an einem Ehrenamt haben. Wir reagieren auf die Trends und versuchen ehrenamtliche Tätigkeiten auch abends und an den Wochenenden anzubieten.

 

Welches Thema liegt Ihnen besonders am Herzen? Ein wichtiges Thema, gerade in einer großen Stadt wie Innsbruck, ist die Vereinsamung von älteren Menschen. Freunde und Bekannte von früher sind oft schon verstorben oder schwerhörig, man ist nicht mehr so gut zu Fuß, kommt nicht mehr viel raus und die Angehörigen kümmern sich um vieles, aber haben oft nicht mehr die Zeit und die Nerven, die Geschichten von früher zum x-ten Mal anzuhören. Diese alten Menschen verstummen regelrecht und sind so froh über ein wenig Zeit eines Freiwilligen. Mit unserem Projekt „Nachbarschaftshilfe“ in Zusammenarbeit mit den Vinzenzgemeinschaften Tirol tun wir etwas gegen die Vereinsamung älterer Menschen und bieten zudem Hilfestellungen in den einzelnen Stadtteilen an. 

 

Was sind da typische Aufgaben? Da geht es zum Beispiel um eine Begleitung zum Arzt oder einfach nur um einen gemeinsamen Spaziergang. Wir haben auch einen kleinen Handwerkerpool, da können wir leichte Handwerkertätigkeiten anbieten – keinen Pfusch wohlgemerkt, aber zum Beispiel Hilfe beim Glühbirnenwechseln. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.