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Editorial

Über den Schrecken ohne Ende

Als es im April seitens der Landesregierung hieß, dass niemand zurückgelassen werde, habe ich doch tatsächlich gemeint, diese Aussage referiere auf finanziell gebeutelte Tiroler und sozial geschwächte Mitbürger. In der Zwischenzeit habe auch ich verstanden, dass es sich hier zweifelsohne um einen internen Motivationsspruch handeln muss, den unser Landeshauptmann an seine Landesräte gerichtet hat.

 

Was damals keiner wissen konnte, war, dass die Fremdschämvorstellung von Landesrat Tilg in der ZIB2 Mitte März erst der Anfang war. Restösterreich war bereits damals klar: Der patscherte Landesrat und sein Sanitätsdirektor werden wohl bald Geschichte sein. Wie soll man sowas überleben? Doch in Tirol ticken die Uhren anders. Rücktritt wäre ein Zeichen der Schwäche, so das ÖVP-Credo. Nicht mal das kleinste Rädchen im System wollte man nach dem Pannenauftritt opfern, und auch Landesrat Tilg selbst war offenbar nie in Gefahr. Die Devise: Augen zu und durch, die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden.

 

Und so zogen die Wochen ins Land. Das Land erzählte weiterhin die Geschichte von der Superbehörde, die keine Fehler macht, und wollte Gras über die Sache wachsen lassen, während Resteuropa über Ischgl schimpfte und sich wunderte, ob es denn wirklich so schwer sei, sich einfach zu entschuldigen. Und mittendrin in diesem Dilemma, macht der nächste Landesrat Probleme. Ausgerechnet der sonst unauffällige und brave Josef Geisler, der bis zu diesem Tag Anfang Juni jede Nacht zumindest ein bisschen von seiner Zukunft als Tiroler Landeshauptmann träumen durfte, passiert ein Riesenfehler: Er übersieht, dass sein Auftritt am Landhausplatz mitgefilmt wird. Und plötzlich lernen wir den Landeshauptmannstellvertreter besser kennen als uns lieb ist, und noch schlimmer, den grünen Koalitionspartner gleich mit. Erschreckend, dass die folgende Debatte auf einen Koalitionsstreit reduziert wurde, der schnell beendet war. Noch erschreckender, dass die meisten Medien davon berichteten, dass sich Schwarz und Grün in Tirol wieder liebhaben, und den Geisler-Sager als solchen gar nicht mehr thematisierten.

 

Im Grunde ist es doch so: Als Spitzenpolitiker gibt es ein paar Dinge, die einfach nicht gehen. Dazu gehört: andere zu beschimpfen. Dabei muss man vermutlich unterscheiden: „Lästiges Luder“ hätte ebenfalls eine Sexismusdebatte ausgelöst, wäre aber wahrscheinlich letztendlich verzeihbarer gewesen. „Widerwärtiges Luder“ sollte einem jedoch schlichtweg nicht über die Lippen kommen. Man fragt sich unwillkürlich: Woher diese Wortwahl? Und wie spricht dieser Mann, wenn er wirklich sauer ist? Dass die Landesgrünen am Ende grün angemalte Bürgerliche sind, die lieber regieren als ihren vermeintlichen Prinzipien treu zu bleiben, wissen wir jetzt zumindest verlässlich. So gesehen ist Geisler nicht umsonst gestorben.

 

Denn so viel ist klar: Auch wenn die ÖVP mit einer Rücktrittsallergie der höchsten Stufe kämpft, politisch gibt es keine Zukunft für Tilg und schon gar nicht für Geisler. Ein Landeshauptmann, umgeben von – teils tickenden, teils entschärften und teils bereits detonierten – Zeitbomben, könnte man sagen.


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