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„Die öffentliche Hand soll gebissen werden“

Für Markus Koschuh bedeutet Corona eine lange Spielpause. Kurzerhand ist der Kabarettist mit einer Onlinesatiresendung ins Netz ausgewichen. Im Interview erzählt er 6020 von Zoff mit Tobias Moretti, österreichischer Rücktrittskultur und politischen „Schlaftabletten“.

Interview: Benjamin Stolz
Fotos: Axel Springer
6020:

 Wie geht es Ihnen? Markus Koschuh: Gesundheitlich super. So lange nicht auftreten zu können ist schwierig. Aber man muss sich einfach ein bisschen Mut machen und daran denken, dass es bald wieder gehen wird.  

 

Haben Sie als Künstler Unterstützung bekommen? Hatten Sie Anspruch auf Förderung aus dem Härtefallfonds? Bei mir hat der Härtefallfonds recht gut funktioniert, aber ich höre von vielen meiner Kollegen, dass sie ewig warten oder eben nicht lange gewartet und eine Absage bekommen haben. In den Kulturabtei-lungen sitzen oft Leute, die mit Kultur nichts am Hut haben. 

 

Wie würden Sie einem Josef Geisler erklären, dass Kunst systemrelevant ist? Man kann auch kunstvoll einen Acker pflügen. Kunst hat die Aufgabe, ein widerständiges Luder zu sein. Vielleicht versteht er’s so. Am Widerstand reibt sich eine Gesellschaft und kann sich neu erfinden. Kunst muss es durch eine gewisse Schlitzohrigkeit und einen Widerstand erreichen, die Leute ein bisschen wach zu halten – auch Schlaftabletten wie Josef Geisler. 

„Kunst hat die Aufgabe, ein widerständiges Luder zu sein.“

Markus Koschuh

Sie haben online ein Corona-Ersatzprogramm auf die Beine gestellt – eine Satire-‚Zeit im Bild‘ genannt „Journal im Bild“ (JiB). Auch viele andere Kulturschaffende haben in diesen Wochen ihre Kunst gratis ins Netz gestellt. Wie gefährlich ist das für den Wert von Kultur? Das ist der springende Punkt. Mit einem gratis Onlineformat schafft man sich ab. Ich sehe es zwiegespalten, weil man präsent bleiben muss. Wenn man sich ein paar Monate nicht mehr über den Weg gelaufen ist, gerät man in Vergessenheit. Man muss aufpassen, jetzt nicht nur mehr Gratis-Content anzubieten. Ich bin keiner, der mit Freuden um Subvention anfragt.  

 

Letztens haben Sie auf Facebook gepostet, dass die JiB jetzt vom Land Tirol gefördert wird. Ich habe 3.000 Euro bekommen – das sind 1.000 Euro im Monat. Ich weiß, was eine Supermarktkassiererin verdient, darum sage ich: Danke – aber nicht der Kulturlandesrätin, sondern allen, die Steuern zahlen. Öffentliche Stellen haben keinen Dank verdient, das ist ja ihre Pflicht. Die öffentliche Hand wird von uns allen gefüttert, darum soll sie auch gebissen werden. 

 

Sowohl nach der Causa Ischgl als auch nach dem „Luder“-Sager ist niemand aus der Landesregierung zurückgetreten. Können Sie sich als Satiriker ausdenken, was passieren müsste, damit in der Regierung jemand gehen muss? Da müsste es ein Erdbeben der Stärke fünf geben, dass man ins Wanken gerät und einen Schritt zurückmachen muss. Da müssten 10.000 Leute am Landhausplatz einen Rücktritt fordern. Diese Mobilisierungskraft haben wir in Tirol nicht. 

 

„So gut erfunden, dass es wahr sein könnte, oder so wahr, dass es besser erfunden sein sollte“ – das ist das Motto Ihres Satireformats. Passiert es Ihnen manchmal, dass Sie die Zeitung aufschlagen und denken: Was soll ich da noch erfinden, die machen ja meinen Job? Manchmal ist in Österreich die Satire nicht mehr von der Wahrheit zu unterscheiden. Und ich bin mir oft selber nicht mehr sicher, wie viel Satire in der JiB steckt und wie viel Wahrheit. Es ist unglaublich, was in Österreich alles passieren darf und ohne Konsequenzen bleibt. Die Deutschen lachen nicht umsonst über Österreich. Wir sind ein bisschen wie die Löwinger-Bühne. 

 

„Öffentliche Stellen haben keinen Dank verdient, das ist ja ihre Pflicht.“

Markus Koschuh
Markus Koschuh will im September wieder auf der Bühne stehen. Bis dahin macht der Kabarettist Satire im Netz.

„Die Deutschen lachen nicht umsonst über Österreich.“

Markus Koschuh

Unterhalten wir uns kurz über Tobias Moretti [Anm. Moretti hatte sich Anfang April in einem Facebook-Video positiv zum Corona-Krisenmanagement der Tiroler Landesregierung geäußert]. Ihre kritische Antwort auf seine Videonachricht wurde auf YouTube 10.000 Mal angeklickt. Gab es da noch eine Reaktion seinerseits? Nein, ich glaube, für den Tobias bin ich ein zu kleiner Wurm. Mir war es nur wichtig, dass seine Meinung nicht allein im Raum stehen bleibt. Er war damals in Schweden und hat keine Ahnung gehabt, was bei uns in Tirol passiert ist, und hat sich dann bemüßigt gefühlt, seinem Freund Günther Platter zur Seite zu springen. Tobias ist ein grandioser Schauspieler, aber er kennt sich halt nicht in allen Bereichen aus. 

 

Moretti hat das Video jedenfalls von seiner Facebook-Seite gelöscht. Das Video ist noch auf YouTube zu finden, aber geschnitten. Alles, was ich in meinem Video kritisiere, ist nicht mehr existent. Das finde ich übel. Wenn ich einen Blödsinn verzapfe, kann ich es stehen lassen, man kann es mit einem Kommentar versehen, aber es einfach zu löschen – schlechter Stil. Würde ich nicht machen. 

 

Felix Mitterer hat kürzlich einen fünften Teil der Piefke-Saga angekündigt. Glauben Sie, Moretti dürfte und würde da noch mitspielen? Eigentlich ist der Tobias in der Piefke-Saga unverzichtbar. Es braucht den Joe. Das kann er auch super. Ich bin sicher, dass der Felix mit dem Tobias schon längst geredet hat. 

 

Würden Sie mitmachen, wenn man Sie fragt? Sicher! Ich bin halt noch nicht gefragt worden.

 

Wann stehen Sie wieder auf einer Bühne vor Publikum? Ich möchte im September wieder auf eine Bühne und idealerweise im Treibhaus. Ich schreibe gerade an einem Programm, das thematisch mit den letzten Monaten zu tun hat. Ich bin kein Open-Air-Typ. Ich brauche eine coole Bühne und am liebsten die vom Treibhaus. 

 

Vielen Dank für das Gespräch.