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ach dem gewaltsamen Tod von George Floyd hat die „Black Lives Matter“-Bewegung ein neues Momentum erfahren. Die Proteste in den USA halten seit Wochen an, weltweit fanden Demos statt, in Innsbruck gingen im Juni geschätzte 6.000 Menschen auf die Straße.

Dabei ist Rassismus kein neues Phänomen. Im Gegenteil. Aber die Debatte ist heute umfang- und facettenreicher und im Jahr 2020 mehr als überfällig. Was erleben Betroffene in Innsbruck? Wie gehen Stadt und Land mit dem Thema um? Und was können die, die nicht von Rassismus betroffen sind, tun, um gelebte Gleich­berechtigung voranzutreiben?

Was hat George Floyd mit Innsbruck zu tun?

Rassismus ist überall: Im Berufs- und Privatleben, vom Sportverein bis zum Bildungswesen. Mandeep Lakhan, ehemalige Obfrau der Tiroler Gesellschaft für rassismuskritische Arbeit TIGRA, fordert einen interdisziplinären Umgang mit der Materie.

Fotos: Franz Oss
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erzeit schaut die ganze Welt auf die USA. Es wurde bereits gesagt, aber es kann nicht oft genug gesagt werden – es gibt auch bei uns hier in Österreich und Tirol rassistische Vorfälle und Übergriffe“, sagte Mandeep Lakhan am Anfang ihrer Rede bei der Innsbrucker Black-Lives-Matter-Kundgebung im Juni. Sie bezieht sich auf die Berichte anderer Rednerinnen und Redner, von Schwarzen Menschen, die auf der Straße angepöbelt und in Bussen geschlagen, in manchen Geschäften wie Diebe behandelt oder wegen ihrer Hautfarbe gar nicht in bestimmte Lokale reingelassen werden. Fälle, die auch Personen ohne direkte Diskriminierungserfahrung als falsch nachvollziehen sowie aufs Schärfste verurteilen können. Aber: Nur verurteilen helfe Betroffenen wenig – vielmehr sollte konkret etwas dagegen unternommen werden, betont Mandeep Lakhan.

 

„Wer an Rassismus denkt, hat oft eher Extremfälle mit körperlicher Gewalt vor Augen. Die sind dann ‚die Bösen‘, aber sowas machen ‚wir‘ ja nicht“, analysiert Lakhan im 6020-Gespräch knapp zwei Wochen nach der Black-Lives-Matter-Kundgebung. Doch perfide ist Rassismus auch dort, wo er nicht böse gemeint wird. Aber: Rassistisches Verhalten kann abgewöhnt werden. Dafür sollte man den Betroffenen richtig zuhören wollen.

„Es gibt auch bei uns hier in Österreich und Tirol rassistische Vorfälle und Übergriffe.“

Mandeep Lakhan, Aktivistin

Diskriminieren will niemand, aber …

„Es gibt viele Menschen, die ein Rassismusproblem in Tirol leugnen, also wollten wir mit TIGRA für Menschen, die Rassismus erfahren, da sein, darüber berichten, Bewusstseinsbildungs- und Sensibilisierungsarbeit leisten, um Veränderungen herbeizuführen“, erzählt die ehemalige Obfrau. Der Verein bestand von 2013 bis 2019 und wurde auch von Stadt und Land gefördert. Allerdings reichten die Subventionen nicht, um den Aufwand zu decken, weshalb der Verein 2019 aufgelöst wurde.

 

Zu der Arbeit von TIGRA gehörten etwa Projekte auf der Straße, wo Unterstützer des Vereins direkt mit Leuten ins Gespräch kamen. Ein Gespräch mit einer älteren Dame blieb Mandeep Lakhan besonders gut in Erinnerung: „Sie erzählte, sie wüsste, dass das N-Wort nicht benutzt werden soll, verstand aber nicht genau warum. Also wurde sie über dessen beleidigende und verletzende Konnotation aufgeklärt.“

Begriffs­erklärungen

BPoC: Black People of Color
• oder: BIPoC: Black/Indigenous/People of Color
PoC: People/Person of Color

 

Also: Schwarze, Indigene, 
Menschen, die nicht weiß sind

 

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Warum „Schwarz“ großschreiben?

Hier handelt es sich um eine Selbstbezeichnung, die sich nicht auf die Hautfarbe bezieht, sondern vielmehr auf die gesellschaftlichen und politischen Konstruktionen und kollektiven Rassismuserfahrungen, die damit verbunden sind. Dasselbe gilt für „Weiß“ oder „Weißsein“, was in diesem Kontext die dominante und privilegierte Position von weißen Menschen meint.

Rassismus ist nichts Biologisches, sondern ein diskursives Phänomen, das in der Art und Weise, wie über Menschen gesprochen wird, entsteht. Wer das N-Wort benutzt, verweist nicht bloß auf einen bestimmten Hautton, sondern transportiert einen seit der weißen Kolonialherrschaft bewusst eingesetzten, abwertenden und traumatisierenden Begriff. Dass solche Ausdrücke in Tirol erschreckend oft benutzt werden, haute Lakhan zunächst vom Hocker, als sie vor längerer Zeit von London nach Österreich zog.

„Weiße Menschen sind keine Rassismusexperten, weil sie diese Form der Diskriminierung nicht selbst erleben.“

Mandeep Lakhan

Nicht so gemeint reicht nicht.

Ein weiteres, unabsichtlich übergriffiges Beispiel wäre die Frage nach der „eigentlichen“ Herkunft: „Eine sehr intime Frage, die aber von Wildfremden bloß aufgrund eines äußeren Merkmals gestellt wird“, fährt sie fort. Wer dann eine Antwort liefert, die nicht der vorgefertigten Vorstellung entspricht, wird weiterhin mit Fragen gelöchert. Dass im Gegenzug weiße Menschen auch ständig nach ihrer „wirklichen“ Herkunft gefragt werden, sei dann in Tirol doch unwahrscheinlich.


Noch seltener wird ihnen ungefragt ins Haar gegriffen. „Ich erlebe das oft, du etwa auch?“, fragt Lakhan. „Das ist kein Kompliment. Damit wird People of Color aber ständig vermittelt, dass man anders ist, nicht hierhergehört, dass es okay ist, schlechter als andere behandelt zu werden. Selbst wer in Europa geboren und aufgewachsen ist. Darum kann für Betroffene die Herkunftsfrage eine große Belastung sein“, stellt sie klar.

Zeichen setzen: Rund 6.000 Menschen, so die Schätzung der Organisatoren, waren bei der Demo im Juni dabei.

Angewandter Respekt.

Wer aber Grenzen aufzeigt, erntet mitunter Unverständnis und Sprüche à la „Hab dich nicht so“ und „Kann doch nicht so schlimm sein“. „People of Color werden oft als aggressiv abgestempelt, wenn sie sich für sich selbst einsetzen oder nicht alles einfach hinnehmen“, fährt sie fort. Warum tun sich Weiße bloß so schwer, die eingeforderten Grenzen zu respektieren, auf Kritik konstruktiv, statt abwehrend zu reagieren? „Weiße Menschen sind keine Rassismusexperten, weil sie diese Form der Diskriminierung nicht selbst erleben“, stellt die Aktivistin fest. Erlernte rassistische Mechanismen ließen sich aber auch als Fehler einsehen und ablegen. Dies müsse allerdings gesamtgesellschaftlich wachsen. Und da ist auch die Politik gefordert. Aber wie? Mandeep Lakhan hätte einen klaren Vorschlag: „Rassismuskritische Arbeit muss als Querschnittsmaterie gesehen und als solche gefördert werden. Rassismus gibt es schließlich überall.“

Anlaufstellen für Betroffene

ARATirol

Aktuell entwickelt das ZeMiT (Zentrum für MigrantInnen in Tirol) ein Konzept für eine neue Antirassismusstelle in Tirol. Ein entsprechendes Förderansuchen liegt vor, die Fach­abteilung geht von einer positiven Erledigung aus. Es ist damit zu rechnen, dass ARAtirol (AntiRassismusArbeit Tirol) demnächst starten kann, sagen Stadt- und Landesverwaltung.

Servicestelle Gleichbehandlung und Anti­diskriminierung in der Meinhardstraße 16. Befasst sich mit dem Thema Gleichbehandlung innerhalb des Landesdienstes und dem Thema Ungleichbehandlung durch Landes- und Gemeindeorgane. In den anderen Bezirken wären Anlaufstellen zu begrüßen.

In der Stadt Innsbruck ist das Thema Rassismus beim Amt für Integration und Bauplanung angesiedelt, im Land Tirol bei Integration, Soziales und Gesellschaft.

Österreichweit:

ZARA (Zivilcourage und Anti-­Rassismus Arbeit), veröffentlicht jährlich den Rassismus-Report.