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ach dem gewaltsamen Tod von George Floyd hat die „Black Lives Matter“-Bewegung ein neues Momentum erfahren. Die Proteste in den USA halten seit Wochen an, weltweit fanden Demos statt, in Innsbruck gingen im Juni geschätzte 6.000 Menschen auf die Straße.

Dabei ist Rassismus kein neues Phänomen. Im Gegenteil. Aber die Debatte ist heute umfang- und facettenreicher und im Jahr 2020 mehr als überfällig. Was erleben Betroffene in Innsbruck? Wie gehen Stadt und Land mit dem Thema um? Und was können die, die nicht von Rassismus betroffen sind, tun, um gelebte Gleich­berechtigung voranzutreiben?

„Jeder Mensch sollte die gleichen Chancen haben.“

In der Schutzengelkirche der Pfarre Neu-Pradl trifft sich jeden Sonntag die African Catholic Community zum Gottesdienst. 6020 war bei einer Messe dabei, um mit den Gläubigen über ihre Erfahrungen mit Rassismus zu sprechen.

Fotos: Franz Oss
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as abstandsgebietende Corona-Regulativ macht selbst vor Kirchenmauern nicht Halt: Und so reicht man sich beim Sonntagsgottesdienst der African Catholic Community zum Friedensgruß nicht die Hände, sondern winkt einander zu – oder verneigt sich mit der „Namaste“-Geste. Die Botschaft bleibt aber dieselbe: „Peace be with you“, schallt es durch die Schutzengelkirche in Neu-Pradl, in der seit sechs Jahren die in Tirol lebenden Gläubigen aus Afrika zur „Holy Mass“ zusammenkommen. Der Großteil stammt aus Nigeria, aber in den gut gefüllten Rängen trifft man auch Menschen aus Ghana, dem Kongo oder Kamerun, die gemeinsam auf Englisch beten. Und in himmlische Gesänge einstimmen, bei denen Stella Maduako den Ton angibt: Seit elf Jahren ist sie hier als Chorleiterin im Einsatz und erfüllt – unterstützt von stimmstarken Mitsängern und Trommelrhythmen – die Kirche mit Leben.

Peace be with you. Seit 2014 trifft sich die African Catholic Community in der Schutzengelkirche zur „Holy Mass“.

Psychologisches Problem.

Doch auch der Tod ist in der Predigt präsent. Und zwar jener des Afroamerikaners George Floyd, der in Minnesota Opfer brutaler Polizeigewalt wurde. Sein Hilferuf „I can’t breathe“ hallt seither bei den weltweiten Antirassismus-Protesten nach, die auch hierzulande Menschen mit "Black lives matter"-Bewegung-Schildern auf die Straße gehen lassen. 

 

Polizeigewalt hat Stella in Tirol noch nie am eigenen Leib erlebt. Erfahrungen mit Ungleichheit blieben ihr allerdings nicht erspart: Ihr in Nigeria abgeschlossenes Chemiestudium war in Tirol nämlich nicht einmal das Papier wert, auf dem es gedruckt war. „Mein Studium zählt hier nichts“, sagt die Nigerianerin, die sich ab Herbst zur Pflegefachassistentin umschulen lässt. Und froh ist, bis dahin als studierte Chemikerin bei McDonald’s ihr Geld verdienen zu können. 

 

„Rassismus ist oft ein psychologisches Problem“, ist Emmanuel Azodo überzeugt. In seinen Augen herrscht vor allem am Arbeitsmarkt ein spürbares Ungleichgewicht. „Mit Ausländern wird anders umgegangen: Wir müssen mehr arbeiten, um fast gleich viel zu bekommen wie ein Einheimischer“, sagt der Tischler, der seit knapp 20 Jahren in Tirol lebt. Sein Traum: „Jeder Mensch sollte die gleichen Chancen haben – aber das geht leider nicht. Da bin ich realistisch.“ 

Black Lives Matter Überall!

Himmlische Klänge. Der Chor erfüllt die Kirche mit rhythmischem Leben.

Black Lives Matter Überall!
Black Lives Matter Überall!

„Mein Studium zählt hier nichts.“

Stella Maduako, Restaurantfachfrau

Sorgen um die Kinder.

Angst vor rassistischen Übergriffen hat Emmanuel aber keine. „In Tirol sind wir safe“, ist er überzeugt. Und lobt die Arbeit der Polizei. Sorgen macht er sich allerdings um seine Kinder, die von klein auf mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Die Herkunft der Eltern bestimme den Alltag im Kindergarten und in der Schule. Die Tatsache, dass Emmanuel aus Nigeria kommt und seine Frau aus Tschechien, macht es für die drei gemeinsamen Kinder des Paares gleich doppelt schwer. „Viele Erzieher und Lehrer sind der Meinung, dass wir unseren Kindern nicht so viel beibringen können – dabei wachsen sie zweisprachig auf und können nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch. Trotzdem glauben viele, dass sie nicht richtig klarkommen“, erzählt er. Und betont, dass die meisten Kinder der African Catholic Community, die in Tirol knapp 100 Mitglieder aus ganz Afrika zählt, mit ähnlichen Problemen konfrontiert seien. Rassismus äußert sich eben nicht nur in körperlicher Gewalt. Rassismus hat viele Gesichter. Oft beginnt er mit einem skeptischen Blick. 

 

Ein Mensch ist ein Mensch.

Dessen ist sich auch Father Liberatus Isife bewusst. Seit knapp fünf Jahren koordiniert er in der Schutzengelkirche die Gottesdienste, die er abwechselnd mit drei afrikanischen Mitbrüdern leitet. Und dabei gegenseitigen Respekt predigt. Das sei nämlich das einzige probate Mittel gegen Rassismus, der laut Father Liberatus leider keine Grenzen kennt. Dabei müsste man für ein friedliches Miteinander eigentlich nur eine auf der Hand liegende Erkenntnis verinnerlichen: „Wir sind alle Menschen – egal, welche Hautfarbe wir haben“, sagt der angehende Doktor der Philosophie, der im Herbst in seine nigerianische Heimat zurückkehren wird, um dort sein Wissen als Rektor eines Priesterseminars weiterzugeben. „Ein Mensch ist ein Mensch“, betont auch Anthony Ibe, der seit 25 Jahren in Tirol lebt und für die Öffentlichkeitsarbeit der African Catholic Community verantwortlich ist. Die Gottesdienste, die einmal im Monat auch auf Französisch abgehalten werden, hält er für einen wichtigen Ort der Begegnung. Und für eine Möglichkeit, auch einmal seinen Frust über etwaige Ungerechtigkeiten abzulassen.

 

Davon ist an diesem Sonntag aber nicht viel zu spüren. Nach der Messe tollen Kinder ausgelassen vor der Kirche herum oder stellen Rubikwürfel-Lösrekorde auf. Die Eltern plaudern, lachen, tratschen. Erst auf Nachfrage lässt Chidi Ernest Chukwuneke hier durchklingen, dass ihn die Antirassismus-Demos auch ärgern. Weil er sie für verlogen hält. „Wenn Menschen in Afrika sterben, dann geht niemand auf die Straße“, sagt er. Sein Landsmann Emmanuel sieht das ähnlich. „Was George Floyd passiert ist, das passiert in Nigeria jeden Tag drei Mal“, ist der Tischler überzeugt.

Wie das Amen im Gebet. Für Emmanuel Azodo und seine Familie ist der Sonntagsgottesdienst ein Wochenfixpunkt.

„Was George Floyd passiert ist, das passiert in Nigeria jeden Tag drei Mal.“

Emmanuel Azodo, Tischler
Ort der Begegnung. Die Kirchenränge sind mit Gläubigen aus ganz Afrika gefüllt.

„Ein Mensch ist ein Mensch.“

Antony Ibe, Pfarrer

Gewissen bereinigen.

„Die Probleme und Ungerechtigkeiten in Afrika oder im Mittleren Osten scheinen niemanden zu interessieren. Aber sobald etwas in Amerika passiert, dann gehen die Leute demonstrieren“, stimmt auch Prudence Onyejiaka in die Kritik mit ein. Und fragt sich, ob bei so manchem Demonstranten nicht auch ein wenig Scheinmoral mitmarschiert. „Viele wollen damit doch nur zeigen, dass sie gute Menschen und keine Rassisten sind“, sagt Prudence. 

 

Seit 2013 lebt sie in Innsbruck und ist als Projektmitarbeiterin beim Verein Multikulturell tätig, wo sie auch als Leiterin des Frauencafés arbeitet (Der Verein Multikulturell hat, wie Ende Juni bekannt wurde, Konkurs angemeldet, seine Zukunft ist derweil ungewiss). Begegnungen mit Kriegsflüchtlingen aus Syrien und Afghanistan gehören dabei zu ihrem Arbeitsalltag. „Sie kommen meistens ohne Perspektive und mit großer Verwirrung hier an und erleben viel Rassismus“, weiß Prudence. Rassismus ist aber auch für sie kein Fremdwort. Beim Gang zum AMS wurde ihr dereinst erklärt, dass sie trotz eines Studiums der Kommunikationswissenschaften „keine Chance“ hätte, hier einen adäquaten Job zu bekommen. Reichen würde es nur zur „Reinigungskraft“. Ob ihr das mit anderer Hautfarbe auch passiert wäre?

Black Lives Matter Überall!

Magische HändeAm Rubikwürfel wird dann nach der Messe gedreht.

Black Lives Matter Überall!