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JULI 2017

Editorial

Über fünf Ringe und ein paar Kreuze

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ine Machbarkeitsstudie hat ergeben, dass Olympische Spiele in Innsbruck ohne große finanzielle Belastung möglich sind. Stadt und Land beginnen jetzt, sich vorsichtig positiv für eine Austragung 2026 einzusetzen. Was wirklich dagegen spricht, sind die Gemeinderats- und die Landtagswahl im nächsten Frühjahr, denn glaubt man der Studie, kann Tirol mit der dritten Austragung nach 1964 und 1976 vor allem eines: nur gewinnen.

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Die Studie verspricht ein paar besonders wichtige Punkte: Es wird kein Geld in den Neubau von Sportstätten gepulvert, die nach den Spielen keiner braucht. Im Gegenteil, Investitionen in Infrastruktur und Wohnungen können erledigt werden, ohne das Budget zu belasten. Zudem sei der Zeitpunkt günstig, denn das IOC sucht verzweifelt nach einem Land, das demokratisch regiert wird und möglichst wenig Potenzial für den nächsten Olympia-Skandal bietet. Man könnte fast sagen, das IOC braucht Innsbruck mehr, als Innsbruck Olympische Spiele braucht.

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Die Kritiker haben Angst, dass das alles nicht stimmt, die Spiele Geld verschlingen, keinen Nachhaltigkeits-Effekt erzielen und am Ende wieder alles teurer wird. In Wirklichkeit befinden wir uns aber bereits im Wahlkampf und so wird Olympia 2026 auch ein großes Thema für ebendiesen werden. Die Liste Fritz (ja, die gibt es noch) will keinen Olympia-Wahnsinn mit Milliarden-Ausgaben und scheint im Kampf gegen die Großveranstaltung eine neue Daseinsberechtigung gefunden zu haben. Die regierenden Parteien wollen das Megaevent nach Tirol holen, agieren aber vorsichtig, weil man sich bei der nächsten Wahl nichts kaputtmachen will – der olympische Gedanken wird eben allzu gerne auch in der Politik angewandt.

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Deshalb dürfen die Tiroler im Allgemeinen und die Innsbrucker im Speziellen am 15. Oktober abstimmen, ob man sich überhaupt bewerben soll. Auch wenn fast 70 Prozent der Medaillenbewerbe nicht in Innsbruck stattfinden würden, käme der Landeshauptstadt hier eine Sonderstellung zu Gute. Denn wenn es auch noch keiner ausspricht, würde es kein Olympia geben, sollte die Abstimmung in der Landeshauptstadt negativ ausgehen – auch nicht, wenn das Gesamtergebnis positiv ausfallen würde.

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Ich selbst frage mich vor allem eine Sache: Für Olympia soll kein zusätzliches Geld ausgegeben werden, aber zum Beispiel für das Patscherkofel-Projekt gleich 70 Millionen. Für Letzteres hat mich niemand um meine Meinung gefragt (vermutlich auch besser so), für oder gegen eine kostenlose Chance darf ich hingegen mitentscheiden. Ich bin generell kein großer Freund von Volksbefragungen, denn meiner Meinung nach finden diese schon oft genug in Form von Wahlen statt. In diesem Fall macht es mir aber fast den Eindruck, dass die Politik selbst nicht entscheiden will oder noch schlimmer: keine eigene Meinung hat. Wir haben gesehen was passiert, wenn man das einfache Volk über komplexe Themen (Brexit) oder das komplexe Volk über einfache Themen (USA-Wahl) abstimmen lässt. Und nicht nur deshalb bin ich mir sicher, dass nicht das Volk über eine mögliche Bewerbung für die Austragung der Olympischen Winterspiele 2026 entscheiden sollte, sondern die vom Volk gewählten Vertreter. Denn warum um alles in der Welt muss ich denn eine Meinung haben, wenn nicht einmal mein Landeshauptmann und meine Bürgermeisterin sicher scheinen?

 

m.steinlechner@6020stadtmagazin.at