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JÄNNER 2020

Im Zoo der Gefühle

Gabriele Goller redet Tieren ins Gewissen – mittels Emotionen. Was nach tierischem Hokuspokus klingt, hat Papageiendame Robby zurück nach Hause gelotst. Eine animalische Spurensuche.

Christiane Fasching
Fotos: Axel Springer
H

ubert hat einen Vogel. Eigentlich sind es sogar zwei. Jakob und Robby heißen die bildhübschen Graupapageien, die seit drei Jahren mit Hubert und seinem Lebensgefährten Bozidar die geräumige Wohnung in der Zeughausgasse teilen – und aufgeregt glucksen, als plötzlich fremder Besuch in der Küche steht. Das gebotene Bild macht Laune: Während Hubert brutzelnd am Herd steht, hocken die Vögel fiepend auf den Schultern ihres Herrchens und plustern sich auf.

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Claas Relotius würde an dieser Stelle Nelly Furtados „I‘m Like A Bird“ aus dem Küchenradio erklingen hören – doch bleiben wir lieber bei der Wahrheit. Jakob macht „Gluckgluckgluck“ und schnabuliert ein Stück Banane, Robby kontert mit gepfauchtem Kauderwelsch, stolziert an einer Papageientasse vorbei und knackt aus der Hüfte heraus eine Erdnuss auf. Hubert und Bozidar platzen fast vor Stolz.


Gehen zwei Papageien in ein Café ...

Im vorigen Sommer waren die Vogel-Narren hingegen vollkommen neben der Spur. An einem heißen Augusttag nahm Papageiendame Robby nämlich Reißaus – und ließ zwei menschliche und ein tierisches Häufchen Elend zurück.

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Aber der Reihe nach: Aus einer Sommerlaune heraus gingen Hubert und Bozidar mit ihren gefiederten Schützlingen auf einen Sundowner in ein nahe gelegenes Café. Hä? Fiept es den beiden? „Man muss wissen, dass Papageien eigentlich nicht den Drang haben, abzuhauen. Außerdem haben uns die beiden immer wieder gezeigt, dass sie sich bei uns wohlfühlen, weil sie uns als Teil ihres Schwarms anerkennen“, erklärt Hubert. Heute weiß er, dass Robby doch eine Spur schreck- und flatterhafter ist als geglaubt. Ein unerwartetes Geräusch brachte die Vogel-Lady aus der Fassung. Zack – weg war sie.

„Man muss wissen, dass Papageien eigentlich nicht den Drang haben, abzuhauen.“


Hubert

Leguan mit Maulsperre.

Szenenwechsel. In Gabriele Gollers Wohnung gibt es viel zu entdecken. Neben einem Klavier lehnt eine indische Langhalslaute, in den Regalen reihen sich Kerzen, Steine und Engelsfiguren an Fläschchen mit kunterbunten Ölen, die Wände schmückt eine breit gefächerte Urkunden-Parade. „Ich bin eine kreative Chaotin“, sagt die pensionierte Musikschullehrerin, die eine Praxis für Humanenergetik angemeldet hat – und nebenbei als Tierkommunikatorin arbeitet. Tiertelepathin dürfte man sie auch nennen. „Aber dann kriegen die Leut‘ gleich einen Schreck und meinen, ich kann Gedanken lesen. Was nicht der Fall ist“, stellt sie klar. Aber was kann sie dann?

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„Ich nehme mit Tieren Kontakt auf und übertrage Bilder, die sie mir vermitteln, in Menschensprache“, erklärt die 64-Jährige, die sich vor 13 Jahren in die Kunst der Tierkommunikation einführen ließ. Und seither mehr als 100 tierische Klienten betreut hat. Einer davon war ein Leguan mit chronischem Vitamin-D-Mangel. Das Maul hatte er bereits voller Pusteln, als die verzweifelte Besitzerin bei Frau Goller anrief und um Rat für den störrischen Patienten bat, der sich partout keine heilsamen Tropfen einträufeln lassen wollte. Oder anders gesagt: Die entnervte Echse biss ständig die Hand, die sie füttern wollte.

„Ich nehme mit Tieren
Kontakt auf und übertrage
Bilder, die sie mir vermitteln,
in Menschensprache.“


Gabriele

Goller ließ sich daraufhin ein Foto vom maroden Leguan schicken und nahm mit ihm gedanklichen Kontakt auf. „Ich muss die Tiere nicht in echt sehen: Ein Bild reicht mir“, erklärt sie. Und beschreibt, wie sie dem Leguan aufdeutschte, dass ihm die Tropfen gut täten und er die Medizin doch bittschön nehmen möge. Goller: „Ich hab mit ihm wie mit einem Baby geredet und ihn angebettelt, dass er die Tropfen schlucken soll. Und dann hab ich gewartet.“ Allerdings nicht lang, denn kurz darauf klingelte Gollers Telefon. Am anderen Ende war die Leguanbesitzerin, die erzählte, dass das einstmals bockige Schuppenkriechtier mit sperrangelweitem Maul im Terrarium saß – und geduldig die Medizin runterschluckte.

Sommer in Orange.

Goller wird aber nicht nur gerufen, wenn das liebe Vieh kränkelt – ihre Hilfe ist auch dann gefragt, wenn Tiere scheinbar spurlos verschwinden. Wie Papageiendame Robby, die nach ihrem ungeplanten Abflug eine Wolke war. „Wir haben sie stundenlang gesucht, alle Nachbarn aufgescheucht, bei der Feuerwehr, beim Tierheim und sogar beim Wasenmeister angerufen – ohne Erfolg. Dann hat mir meine Schwester die Nummer von der Gabi gegeben, weil die ihr einmal geholfen hat, als ihr Nymphensittich verloren ging“, erzählt Hubert. Robby räuspert sich zustimmend.

Für Bozidar und Hubert gehören ihre Papageien zur Familie.

Via WhatsApp flatterte also ein Foto der vermissten Papageiendame zu Gollers Handen, die mit Robby in Kontakt trat. „Sie war zu Tode betrübt, weil sie wieder heim wollte, aber die Wohnung nicht mehr fand. Sie hat ihr Zuhause ja bislang nur von der Innenperspektive gekannt“, erzählt die Tierflüsterin, die das tierische Orientierungsproblem ernst nahm. Und Hubert und Bozidar riet, etwas Knallbuntes auf den Balkon zu stellen, um Robby eine Heimkehr-Hilfe zu geben. Obendrein sollte der daheimgebliebene Papagei laut schreien und pfeifen, um akustische Krumen zu streuen. „Der Jakob hat das kapiert und bei der Affenhitze wie ein Hohler nach Robby gerufen. Und wir haben einen orangen Sonnenschirm aufgespannt und auf ihre Rückkehr gehofft“, erinnert sich Hubert. Kurz darauf kam der erlösende Anruf: Robby ward gefunden! Ein Haus weiter saß sie auf dem Balkon einer Wohnung im zweiten Stock. Eingekleidet war das Geländer mit knallorangen Stoffbahnen.

Die Asche ihres Hundes Lexi bewahrt Gabriele Goller in einer Mini-Urne auf.

Die Energie des Zufalls


„Natürlich kann man das alles als Zufall abtun: Aber ich für meinen Teil glaube daran, dass das Leben auch aus energetischen Verbindungen besteht“, sagt Hubert. Bozidar nickt. Von Gabriele Goller schwärmen sie nur in den höchsten Tönen: „Man merkt, dass sie einen guten Draht zu Tieren hat und in erster Linie aus Liebe handelt.“ Aus Geldgier wird’s auf keinen Fall gewesen sein: Für ihren tierischen Dienst hat Goller 20 Euro verrechnet.

 

„Natürlich kann man das als Zufall abtun: Aber ich glaube daran, dass das Leben auch aus energetischen Verbindungen besteht.“


Hubert

 

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„So eine Aktion dauert nicht ewig. Und ich helfe Tieren ja gern. Wenn sie es halt zulassen“, meint die zweifache Mutter und Großmutter, die überzeugt ist, dass nicht jeder Ausreißer auch wieder heimfinden will. „Bei Katzen ist es oft so, dass sie abhauen, weil es ihnen zu Hause nicht mehr passt oder weil es ihnen schlecht geht und sie das ungestört aussitzen wollen. Sie haben ja nicht umsonst sieben Leben“, sagt Goller, die glaubt, dass in vielen Menschen die Fähigkeit stecken würde, mit Tieren zu kommunizieren. „Außer man ist ein kaltherziger Holzpflock, der Tiere nur als materiellen Besitz ansieht. So jemand wird nie einen Draht zu anderen Lebewesen aufbauen können.“

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Ihre „Gabe“ groß vermarkten will sie nicht. „Die Leut‘ finden durch Mundpropaganda zu mir, gezielt Werbung mach‘ ich keine“, sagt die Tierkommunikatorin, die glaubt, dass jedes Tier Emotionen hat. „Damit meine ich jetzt auch Fliegen – die haben dann halt Fliegengefühle“, schmunzelt sie. Und nein: Insekten hat sie noch keine in ihrer Kundenkartei. Alles hat seine Grenzen.