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FEBER 2017

Editorial

Das Kaninchen vor der Schlange

M

an kann von Donald Trump halten, was man will. Ist er ungehobelt? Sicher. Ist er impulsiv und unkontrollierbar? Wahrscheinlich. Ist er eine Gefahr für die Welt? Vielleicht. Aber er ist vor allem ein Sinnbild dafür, dass sich viele Menschen danach sehnen, dass im eigenen Land mehr Sicherheit und Zukunftsperspektiven einkehren.

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Wäre ich Amerikaner, dann wäre ich im Moment wohl sehr hin- und hergerissen. Mein Verstand würde mir wohl bestätigen, dass dieser Präsident ein ignoranter Sauprolet ist, der auf der Entwicklungsstufe wohl im Kindheitsalter stehen geblieben ist, in der Trotzphase vermutlich. Doch gleichzeitig würde ich mich wohl auch dafür schämen, dass es mir gefällt, wie er der Welt zeigt, wer hier der Macker ist, wer sich hier Supermacht nennen darf. Ich fände es insgeheim bewundernswert, mit welcher Lockerheit er das offizielle China anpöbelt und ständig völlig irrationales Zeug von sich gibt, nur um das Selbstwertgefühl Amerikas zu stärken. Eigentlich ist Trump das personifizierte Amerika, ein Sinnbild für dessen Selbstüberschätzung: entwicklungstechnisch in vielerlei Hinsicht im 20. Jahrhundert stehen geblieben, aber eine Klappe, so groß, als käme man geradewegs aus der Zukunft.

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Er droht BMW, Mercedes und VW mit Importzuschlägen von 35 Prozent. Er kündigt das transatlantische Freihandelsabkommen auf, spottet ein bisschen über unsere Politiker (okay, es ist nicht alles schlecht), scheint mehr Gefallen am britischen Alleingang als an der EU zu finden und gibt uns gleichzeitig zu verstehen, dass er sich um Amerika kümmern wird und nicht um irgendwelche Problemchen in der restlichen Welt. Und was macht Europa? Es verfällt wieder einmal in die Schockstarre, die es zu dem überverwalteten, viel zu unflexiblen Apparat gemacht hat, der es heute ist. Wäre Donald Trump Chef der EU, hätte er vermutlich wenig Zeit für solche Faxen, und ein 5-Punkte-Plan für ein vereintes, starkes und erfolgreiches Europa, das sich von einem Steinzeitstaat voller übergewichtiger Möchtegern-Cowboys sicherlich nichts sagen lässt, wäre schnell entworfen. So könnte er aussehen:

1.

Wenn Apple keine Steuern in Europa abführt, werden iPhone und Co. in Europa halt verboten. Stattdessen gibt’s alte Nokia 6310, inklusive dem Spieleklassiker „Snake“.

2.

Amerikanische Fast-Food-Ketten (McDonald’s, Burger King …) und Kalorien-Marken (Coca Cola, Mars …) können unsere Gesundheit weiter torpedieren, aber dank der neuen Zuckersteuer nicht mehr zum Diskontpreis.

3.

Facebook, Instagram und WhatsApp fallen ganz chinesisch der Zensur zum Opfer. Offizielle Begründung: EU-Chef Trump schenkt jedem EU-Bürger drei Stunden mehr Freizeit – pro Tag!

4.

Mit diesen Maßnahmen muss man sich auch nicht mehr darüber ärgern, dass Google zwar weltweit 79 Milliarden an Werbegeldern einnimmt, davon aber in Europa quasi nichts an Steuern zurückfließt. Dank Maßnahme 1 braucht es die Suchmaschine ohnehin nicht mehr.

5.

Amazon kann den stationären Einzelhandel weiterhin zerstören, muss aber für jede Lieferung in Europa mindestens 30 Euro für Transport, Verpackung und die damit verbundenen Umweltschäden bezahlen und an den Kunden weiterverrechnen – sollte es dann noch Kunden geben.

 

Kurzum: Sind wir auch noch so gebildet, gesittet und gesetzt – wer Erfolg haben will, muss die gleiche Sprache wie sein Gegner sprechen. Und im Falle von Donald Trump bedeutet das für die EU, dass sie schleunigst ihre guten Manieren vergessen sollte.

 

m.steinlechner@6020stadtmagazin.at