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DEZEMBER 2015

chiang mai

Same, but different

Touristische Studentenstadt, von den Bergen geprägt – so könnte man sowohl Innsbruck als auch Chiang Mai, die bedeutendste Stadt Nordthailands, harakterisieren. Flo Pranger, ehemals freier 6020-Mitarbeiter, lebt seit einiger Zeit als Wissenschaftler in Chiang Mai und hat die Städte verglichen.

I

nnsbruck ist einmalig. Diese Studentenstadt mit internationalem Flair, der doch immer wieder ein provinzieller Touch anhaftet, die trotz ihrer geringen Größe das kulturelle Zentrum der Region darstellt, die von Besuchern lebt und manchmal an ihnen zu ersticken droht, die kann es in all ihren Widersprüchen und mit all ihren Reizen so nur einmal geben.

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Rund 8.300 Kilometer oder zwölf Flugstunden südöstlich von Innsbruck liegt Chiang Mai, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden Thailands. Chiang Mai ist auch einmalig. Die Stadt hat eine faszinierende Geschichte und ist mit über 300 buddhistischen Tempeln und mehreren Universitäten das kulturelle und geistige Zentrum Nordthailands. Auf drei Seiten von Bergen umgeben, ist die „Rose des Nordens” bei Reisenden und Digital Nomads, aber auch in Thailand selbst bekannt und beliebt. Die Einwohner profitieren von und leiden gleichermaßen unter den Besucherströmen, die sich in erster Linie aus dem unmittelbaren Norden, aus China und Korea, aber auch aus Nordamerika, Europa und Australien über die Stadt ergießen.

Flughafen und Berge.

Bei der Ankunft in Chiang Mai fällt dem Tiroler Besucher als Erstes die Lage des Flughafens auf. Der befindet sich nämlich quasi mitten in der Stadt und in unmittelbarer Nähe zu besiedeltem Gebiet, ganz ähnlich wie Innsbruck-Kranebitten. Abgesehen davon ist der Chiang Mai International Airport aber wesentlich größer, fungiert er doch als Drehscheibe zwischen Bangkok, Kuala Lumpur und Singapur im Süden und Städten wie Taipei, Seoul oder Peking im Norden.

6020 Online A194 Chiang2

Historisches:

Chiang Mai, die „Neue Stadt“, wurde im späten 13. Jahrhundert von König Mengrai an der Stelle einer älteren Ansiedlung des Lawa-Volkes gegründet. Sie stieg im Lauf ihrer wechselvollen Geschichte zur Hauptstadt des einflussreichen Lanna-Königreiches auf, wurde aber mehrere Male von Burmesen und Chinesen erobert. Nach dem Niedergang des Lanna-Reiches verlor Chiang Mai kurzzeitig an Bedeutung, wuchs aber stetig weiter und gilt gegenwärtig nach Bangkok als zweitwichtigste Stadt Thailands.

„Eine thailändische Version der Piefke-Saga hätte wohl ähnliche Auswirkungen und ähnlichen Erfolg wie das Tiroler Original.“

 

Im Landeanflug lässt sich auch die topografische Lage der Stadt gut überblicken. Chiang Mai ist eingebettet zwischen Bergen und Hügeln im Norden, Osten und Westen, wo sich die Stadt an die Ostflanke des Doi Suthep anschmiegt. Das weckt erneut Assoziationen mit Innsbruck, genauer gesagt mit Stadtteilen wie Hötting, Mühlau oder Arzl. Und interessanterweise liegt auch der Chiang Mai Zoo – so wie der Innsbrucker Alpenzoo  – am Berghang. Der Doi Suthep wird mit seinen 1.676 Metern von den Städtern auf 314 Metern Seehöhe auch wirklich als Berg empfunden. Sein Panorama dominiert die Stadt, sein Schattenwurf läutet die Dämmerung ein, er ist Wahrzeichen, Wetterscheide und Naherholungsgebiet in einem – vergleichbar etwa, bis auf die Dämmerung, mit der Nordkette oder dem Patscherkofel. Schnee gibt es am Doi Suthep freilich keinen, und so sind es die Mountainbiker, die aus sportlicher Sicht ganzjährig den Ton am Berg angeben.

Studenten vs. Touristen.

Mit rund 30.000 Studierenden, denen rund 125.000 Einwohner gegenüberstehen, darf Innsbruck ganz sicher eine Studentenstadt genannt werden. An die über 60.000 Studierenden, auf die Chiang Mai (ca. 148.000 Einwohner) im Jahresschnitt verweisen kann, kommt Innsbruck aber bei Weitem nicht heran. Man kann sich vorstellen, wie sehr das Stadtbild und der Alltag Chiang Mais von den Studentinnen und Studenten der verschiedenen Hochschulen, allen voran der Chiang Mai University, geprägt sind. Kein Straßenzug, kein Lokal, kein Marktplatz, auf dem nicht mindestens eine Gruppe von jungen Frauen und Männern in den charakteristischen Uniformen anzutreffen wäre.

Die Trends und Stilrichtungen werden bei den Studierenden ganz klar von Japan und den USA vorgegeben. Beliebtester Treffpunkt sind die großen Shoppingmalls mit ihren Fastfood-Lokalen und Donutständen, neonglitzernden Spielhöllen und IMAX-Kinos – und den von einem einheimischen Mobilfunkanbieter gesponsorten Lerncafés.  

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In der Haupt-Reisesaison (November bis Februar) mischen sich dann ebenso allgegenwärtige Gruppen auffällig schlecht gekleideter Touristen ins Stadtbild. Obwohl Chiang Mai rund 1.500 Kilometer von den Stränden Ko Samuis oder Phukets im Süden des Landes trennen, stürmen sie in Tanktops, Flipflops und Badeshorts Märkte und Tempel und sorgen, oftmals auch in mehr als angeheitertem Zustand, immer wieder für Radau in der sonst so konfliktscheuen Stadt. Etwas anders verhält es sich mit den Besuchern aus China und Korea. Sie kommen das ganze Jahr über nach Chiang Mai – Monsun oder große Hitze hält sie nicht ab, daran sind viele ohnehin gewöhnt. Im Gegensatz zu den Touristen aus Übersee achten asiatische Besucher in Chiang Mai üblicherweise sehr auf ihre Kleidung. Man will ja keinesfalls die sorgfältig gepflegte Blässe riskieren. Dafür stehen sie Europäern oder Amerikanern um nichts nach, wenn es darum geht, sich wie Elefanten im Porzellanladen zu benehmen. Die Einheimischen, die mit den Besuchern gutes Geld verdienen, haben ihre ganz eigene Art, mit deren Geschmacklosigkeiten umzugehen: Sie lächeln – zumindest nach außen hin. Es darf jedenfalls vermutet werden, dass eine thailändische Version der „Piefke-Saga“ ähnliche Auswirkungen und ähnlichen Erfolg hätte wie das Tiroler Original.

Chiang Mai vs. Innsbruck

Einwohner: 148.000 vs. 125.000
Fläche (Quadratkilometer): 40 vs. 104
Seehöhe (Meter): 314 vs. 582
Temperatur im Jahresmittel (°Celsius): 25,8 vs. 8,6    
Niederschlag im Jahresmittel (Millimeter): 1217 vs.  911
Studierende: ca. 60.000 vs. ca. 30.000

Die Universität Innsbruck hat übrigens einen Partnerschaftsvertrag mit der Chiang Mai University. Es werden immer wieder Summer Schools und Austauschprogramme organisiert.

Weitere Infos:
international-relations@uibk.ac.at