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MAI 2014

Editorial

Betteln als letzter Ausweg oder betteln als Job

H

erzlos, überheblich, realitätsfremd, arrogant – das alles kann man genannt werden, wenn man zugibt, dass einem die vielen Bettler in der Stadt die Laune verderben. Diese Attribute nehme ich gerne in Kauf, denn ich fühle mich einfach nicht mehr wohl in der Innsbrucker Innenstadt. An jeder Ecke schauen mich traurige Augen an, humpeln Menschen auf mich zu oder noch schlimmer – wollen mir halbwüchsige Nordnachbarn Greenpeace-Spendenabos aufschwatzen.

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Die Innenstadt hat ohnehin ein schweres Los gezogen. Der Handel im Allgemeinen wird vom Internet mittelfristig ernsthaft bedroht, was Auswahl, Preis und Verfügbarkeit betrifft. Das Verkehrsaufkommen schreckt ab, sich überhaupt der Innenstadt zu nähern, die Parkgaragenpreise spotten jeder Beschreibung und jetzt muss ich mir auch noch an jeder Ecke vorhalten lassen, dass ich Konsumsau genug zum Beißen habe und auch noch fein einkaufen gehen kann, während andere ihren Lebensunterhalt auf der Straße erbetteln müssen.

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Innsbruck hat immer schon Bettler gehabt und die natürliche Dosis war durchaus vertretbar oder wie man es auch formulieren könnte, der Gesellschaft zumutbar.

Innsbruck hat immer schon bettler gehabt und die natürliche dosis war durchaus vertretbar.

 

Durch die Auflockerung des Bettelverbotes muss man nicht zwangsläufig die Angst vor dem organisierten Betteln schüren, aber man öffnet die Stadttore für professionelle Bettler. Menschen, die natürlich arm sind, aber ihren Lebensunterhalt mit Betteln ganz gut bestreiten können und auf jeden Fall besser als in ihrer Heimat über die Runden kommen. Und dafür fehlt mir jedes Verständnis. Oder anders formuliert: Solange es bei uns Menschen gibt, die betteln müssen, um zu überleben, brauche ich keine zusätzlichen Betteltouristen anlocken.

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Dabei ließe sich das Thema recht simpel auf seinen wirklichen Bedarf überprüfen. Man spricht einfach ein striktes Bettelverbot aus, kontrolliert dieses massiv und schaut, was passiert. Meine Vermutung: Es bleiben die wirklich harten Fälle übrig, bei denen man ein Auge zudrückt. Bettel-Nomaden verlassen die Stadt und suchen sich einen neuen Wirt. Ach ja: Die mühsamen Spendenverklopfer müssen sich dann einen neuen Nebenjob suchen, der zwar weniger Provision abwirft, dafür meine persönliche Innenstadt-Frequenz erhöhen wird.

Solange es bei uns menschen gibt, die betteln müssen, brauche ich keine zusätzlichen betteltouristen anlocken.