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MÄRZ 2014

Essay

Olympia 3.0

Erst Mayer, dann Fenninger. Erst Kärnten, dann Salzburg. Die Reihenfolge der Goldmedaillen spricht für die innerösterreichische Konkurrenz. Doch Tirol spricht mehr über Olympia als die beiden einst spielewilligen Nachbarn. Gebeutelt von Finanzskandalen wagen sie keine neue Heimat-Vision im Zeichen der fünf Ringe. Für den Sport ein weltweites Symbol, sind sie auch eine globale Trademark für die Diskussion über Preis und Wert des Spektakels. Alle vier Jahre wieder vor allem in Innsbruck.

W

enn 50 Jahre nach der Premiere als Host-City die Olympia-Debatte hier schaumgebremst wirkt, liegt das an der Ausreizung fast aller Facetten seitdem. Kein Fleck auf diesem Planeten definiert sich mehr über das globalste Sportspektakel als Innsbruck bzw. Tirol. Die Polarisierung zu diesem Thema ist kein Gegenbeweis, sondern untermauert die These: In der laut Selbstbild ältesten Festland-Demokratie lässt Olympia kaum jemand kalt.

Bei seiner Ablehnung sind wir ebenso Pionier wie bei der doppelten Winter-Austragung. Zumindest für Europa (neben Lake Placid 1932 und 1980) einzigartig, aber auch zwiespältig in unserer Bereitschaft, erneut Gastgeber der Welt zu sein: Das klare Nein der Stadt von 1993 und 1997 zu weiteren Olympia-Bewerbungen traf auf ein deutliches Ja von Rest-Tirol.

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Was Wien für Sommer 2022 höchstens halbherzig angegangen ist, hat Innsbruck schon für Winter 2002 und 2006 nicht mehr gewollt. Klagenfurt hätte zwar noch mögen, zog aber trotz Verstärkung durch slowenische und italienische Sportstätten gegen Turin (mit Sestriere) den Kürzeren – so wie danach Salzburg kontra Vancouver und Sotschi. 

So manches Olympia-Nein ist zu kurz gedacht.

STADT-LAND-KONFLIKT.

Nur das echte Olympia taugt zugleich als Prophylaxe und Placebo fürs Herz der Alpen. Ein Schrittmacher gegen die Zweitrangigkeit der angeblichen Weltstadt. Sagen die einen. Doch die anderen sind mehr. Wenigstens in jenem urbanen Raum, auf den die Olympier als Host-City ungeachtet ihrer eher Country-lastigen Begleitmusik bestehen. So war es auch in Salzburg 2005, wo sich die Möchtegern-Macher unbeirrt vom Stadt-Land-Konflikt ein zweites Mal vergeblich bewarben.

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Der Widerspruch von Gastgebergemeinde und Austragungsumfeld liegt ebenso im internationalen Trend wie der Gegensatz von Volksvertreter-Wunschdenken und Bürgerwille. Deshalb sind auch St. Moritz mit Davos und München mit Garmisch-Partenkirchen schon aus dem Rennen für Winter 2022 – nach Entscheiden und Befragungen der Ortsansässigen

sowie in den Landkreisen bzw. dem Kanton. Stockholm hatte davor schon infolge Zivilprotests, Barcelona mangels Staatshilfe zurückgezogen.

ABLEHNUNG ALLERORTEN.

Bleibt neben Peking, Lemberg, Krakau und Almaty (Kasachstan) nur Oslo als traditioneller Kandidat. Vorerst. Denn pünktlich zu den fast 40 Milliarden Euro teuren Spielen von Sotschi sind auch die reichen Norweger skeptischer denn je über das Vorhaben ihrer Hauptstadt, die nicht mehr als 4,4 Milliarden ausgeben will. Laut Meinungsumfrage sind 56 Prozent dagegen und insgesamt nur ein Drittel dafür. Wo am Holmenkollen die modernste Skisprungschanze der Welt symbolhaft Oslo überragt, steigt die Zustimmung mit der Nähe zum Zentrum des Landes. 

Nur das echte Olympia taugt zugleich als Prophylaxe und Placebo fürs Herz der Alpen.

 

Das japanische Nagano verschuldete sich für das Event 1998 mit 25.000 Euro pro Kopf. Jede Bewerbungsidee zeugt aufgrund der kaum einzugrenzenden finanziellen Risiken schlagartig den Widerstand der eigenen Bürger. Denn als einzige wirklich fixe Gewinngröße gelten die Fernseh-Übertragungsrechte. Diese verkaufen aber weder Host-City noch Austragungsländer, sondern Zwischenhändler oder – in den lukrativsten Märkten – das IOC selbst.

STRATEGIE STATT TAKTIK.

Dennoch erscheint so manches wirtschaftlich und finanziell begründete kategorische Olympia-Nein zu kurz gedacht. In der Hitze der Diskussionen überwiegt in fast allen Projekten ein taktischer Überlegungsrahmen von Betreibern wie Befürwortern. Sport und Bauten, Tourismus und Medien: Das scheint vermittelbar im Kampf um das Wohlwollen des Bürgers für Olympia. Der strategische Plansinn jedoch wäre die Möglichkeit für neue technische Infrastruktur durch solch ein Ereignis. Bei einem Ja in den 1990er-Jahren und einer geschickten Verteilung der Nebenschauplätze über das Land hätten Innsbruck und Tirol frühzeitig jenes breitbandige Glasfasernetz erhalten können, dessen aktuelle Errichtung zu Unrecht immer noch bloß ein Thema für wenige Auskenner ist.