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MÄRZ 2014

Paralympics

Nach Olympia ist vor Olympia

Mit Medaillen behangen sind Österreichs Wintersportler aus Sotschi
zurückgekehrt. Die Show ist aber noch nicht vorbei: Behindertensportler aus aller Welt reisen dieser Tage nach Russland, um von 7. bis 16. März an den 11. Paralympischen Winterspielen teilzunehmen.

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öchstleistungen auf den Pisten, Loipen und in den Eishallen sind auch bei den Paralympischen Winterspielen in Sotschi zu erwarten. Mit dem Unterschied, dass die Athleten hier mit Rollstühlen, Prothesen oder der Mithilfe von Guides an den Start gehen.

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Auch eine Innsbrucker Wohngemeinschaft ist dabei: Die Behinderten-skisportlerin Claudia Lösch, die seit einem Autounfall 1994 im Rollstuhl sitzt und seit fast 15 Jahren Rennen im Monoski bestreitet, startet für Österreich. Ihre Mitbewohnerin Andrea Rothfuss, der von Geburt an die linke Hand fehlt, kämpft für Deutschland um Medaillen.

Sport und Studium.

Die Lebenswege der beiden kreuzten sich zum ersten Mal vor Jahren bei einem Rennen in Bayern. „Da war so ein Mädel, mit dem habe ich mich gleich super verstanden“, beschreibt Claudia die Begegnung. Nach der Matura 2007 übersiedelte sie von Niederösterreich nach Tirol, da sie ja eigentlich ein „Bergmensch“ sei. Wenig später zog auch das „Mädel“ Andrea nach Tirol und gemeinsam gründete man eine Wohngemeinschaft. Warum aber wollten beide nach Innsbruck? Sport und Studium ließen sich hier gut verbinden, so die Skifahrerinnen. Und dies ist gar nicht so leicht: Bis zu 140 Tage auf Schnee sind jedes Jahr zu absolvieren. 

 

 

Andrea sammelte zweimal Silber und zweimal Bronze. Trotzdem ist die Lust auf Medaillen nicht gestillt. „Mein Ziel in Sotschi ist eine weitere Goldene“, meint Claudia selbstbewusst, „schön wäre es, wenn sie mir in der Abfahrt gelingt.“ 

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Die Abfahrt hat es aber in sich: Die behinderten Frauen und Männer stürzen sich die gleiche Strecke hinunter, auf der Matthias Mayer zu Olympiagold gerast ist. Nur der Start ist wenige hundert Meter weiter unten.

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Leider verlief die Vorbereitung auf die Spiele nicht nach Wunsch: Claudia stürzte zweimal auf die Schulter, weshalb sie die Weltcuprennen im französischen Tignes und im schweizerischen St. Moritz im Jänner auslassen musste. Bis zu den Spielen will sie aber wieder in Topform sein.

Jeder ist anders.

Die Schicksale der Behindertenskisportler sind überaus verschieden: Claudias Teamkollege Matthias Lanzinger stürzte bekanntermaßen 2008 bei einem Weltcupskirennen in Norwegen schwer, zwei Tage später mussten die Ärzte seinen linken Unterschenkel amputieren. Dem US-Amerikaner Heath Calhoun wurden 2003 nach einem Angriff auf seine Einheit im Irak beide Beine abgenommen, andere wiederum – wie zum Beispiel Andrea Rothfuss – leben von Geburt an mit ihrer Behinderung.

„In Vancouver hatte man das Gefühl, die Menschen wollen die Paralympics machen. In Russland ist es anders.“

Claudia Lösch

 

Dieser wird mit der Realzeit multipliziert, die ein Fahrer für einen Lauf benötigt. Daraus ergibt sich die offizielle Rennzeit, nach der die Platzierung vergeben wird. Dadurch können Athleten mit zum Beispiel nur einem Bein gegen Konkurrenten mit lediglich einer Hand in der stehenden Klasse antreten. Claudia und Andrea sind aus diesem Grund in Sotchi keine Gegner. 

Schlechtes Gewissen.

Apropos Sotschi: Zu Themen wie Korruption, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen gaben sich die heimischen Athleten bisher sehr wortkarg. Medien spekulierten sogar über einen „Maulkorb“ zu politischen Themen innerhalb des Österreichischen Skiverbands. Claudia, die Politikwissenschaften und Jus studiert, hat ihre eigene Meinung: „Ich muss ehrlich sagen, dass ich mit einem schlechten Gewissen nach Russland fahre.“

 

Vor allem die Umweltzerstörung, die sie bei der Generalprobe der Rennen im letzten Jahr in Sotschi gesehen hat, sei „wirklich schlimm“. Auch viele Einrichtungen für Behinderte, wie Toiletten und einige Skilifte, werden nach den Paralympics wieder abgerissen. „In Vancouver hatte man das Gefühl, die Menschen wollen die Paralympics machen. In Russland ist es anders: Die Olympischen Spiele wollen sie machen und unsere Bewerbe müssen sie machen.“ Ihr abschließendes Statement: „Ich habe mir Sotschi als Veranstaltungsort nicht ausgesucht. Aber auslassen kann man die Spiele als Athletin auch nicht.“