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MÄRZ 2014

Ortstermin

Die Trommler von Innsbruck

Seit zehn Jahren wird in der Universitätsstraße mehrmals pro Woche getrommelt. Die Free Beat Company ist eine offene Trommelgruppe, ins Leben gerufen von Maria Zeisler und Gottfried Jaufenthaler. Die Abende sind kostenlos, aber wertvoll.

Fotos: Emanuel Kaser
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s ist Freitagabend, im ersten Stock in der Universitätsstraße 1: Ein gesetzter Schuldirektor sitzt mit seiner Frau neben einem blonden, langhaarigen Schamanen, ein junger Bursch mit Piercings im Gesicht neben einer grauhaarigen Dame im Glitzerpulli. Um die 50 höchst unterschiedliche Menschen sind im Raum, es ist mucksmäuschenstill. Die Hände ruhen auf großen, afrikanischen Trommeln, alle haben die Augen geschlossen und lassen das soeben Erlebte nachwirken. Hinter der bunten Truppe liegt eine einstündige Trommelsession, mit einer langen Improvisationsstrecke. Der großen Gruppe gegenüber sitzen Maria und Gottfried, die beiden Leiter. Vor zehn Jahren haben die beiden Musikpädagogen ihre Trommelabende ins Leben gerufen. Seither wird am Freitag- und Samstagnachmittag bzw. -abend getrommelt, zuerst mit Jugendlichen, in der späteren Session mit Erwachsenen. Jeder kann kommen, es stehen mehr als 50 Trommeln bereit.

Die Wirkung.

Mit abschließenden Worten und viel Lob von Gottfried ist die Trommelsession vorbei. Schnell werden auf dem Boden Decken aufgebreitet, aus der Küchenecke werden Töpfe mit Suppe und Bulgur geholt. Einige essen, viele sitzen oder stehen einfach zusammen, reden und lachen. Auch ein Klavier steht im Raum und wird gleich in Beschlag genommen. „Unsere Trommelabende sind eigentlich um kurz nach 21 Uhr beendet, das anschließende Zusammensein, Essen und spontan 

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Musizieren sind aber Usus und dauern oft bis weit nach Mitternacht – Open End halt“, lacht Maria. In ihren zerfetzten Jeans, im lässigen T-Shirt und mit ihren langen, braunen Haaren sieht sie kaum älter aus als die Trommelmädchen im Teenie-Alter.

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Ihr Lebensgefährte setzt sich auf einen Stuhl und beginnt zu erzählen: von Pärchen mittleren Alters, die sich beim Trommeln kennen gelernt haben, von Arbeitslosen, die durch Kontakte von anderen Trommlern wieder Arbeit gefunden haben, und von Frischgeschiedenen, die sich den Frust von der Seele trommeln. Er erzählt von Migranten, die hier Menschen kennen gelernt haben, die ihnen beim Einleben in der neuen Stadt geholfen haben, und

Die Trommler von Innsbruck

Die Initiatoren Maria Zeisler und Gottfried Jaufenthaler

 

Die Räumlichkeiten in der Universitätsstraße stellt die Stadt Innsbruck zur Verfügung, bezahlt werden die beiden Musikpädagogen von der Musikschule. Möglich gemacht haben das die Innsbrucker Bürgermeisterin Hilde Zach und Musikschuldirektor Wolfram Rosenberger. „Wenn wir im Ausland von diesem erfolgreichen Trommelprojekt erzählen, heißt es immer: ‚Ihr lebt ja im Paradies’“, lächelt Gottfried. Getrommelt wird auf Bougarabous und Djemben, allerdings spielt man keine afrikanischen Rhythmen, keine Patterns und keine spezielle Trommelliteratur. Die beiden haben ihre eigene Methode entwickelt: Das Free-Beat-Trommeln besteht aus einfachen Übungen für die Rechts-Links-Koordination. Das Wichtigste an den Abenden ist allerdings die lange Improvisationsstrecke.

Jeder soll mitmachen können, ohne musikalische Vorkenntnisse und ohne Leistungsdruck.

Die "Familie".

Von April bis November gibt es jedes Jahr eine Pause für die Free Beat Company. In dieser Zeit reisen die beiden Musikpädagogen um die ganze Welt und geben ihre Ideen in Workshops und Seminaren weiter. Der Kontakt, vor allem mit den Jugendlichen, bleibt auch in dieser Zeit bestehen. 915 Telefonnummern hat Gottfried in seinem Handy gespeichert. Nicht selten wird auch in den Sommermonaten nach Rat bei Schulproblemen oder Liebeskummer gefragt. „In der Aufbauphase haben uns Sozialarbeiter geraten, nie unsere Handynummer weiterzugeben – davon sind wir ganz schnell abgekommen“, lacht Gottfried.