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JUNI 2014

Essay

Von analoger Autobahn zum digitalen Highway

Nachhinken statt Vorpreschen: Das kennzeichnet Politik von gestern für heute statt von heute für morgen. Parteiübergreifend. Ganz im Sinne des alten Gedichts: „lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum.“ Was Ernst Jandl schon 1966 zur „lichtung“ schrieb, wird immer mehr Realität. Das zeigt sich deutlich in rotschwarzen Investitionsprogrammen und Sparpaketen: Viel Geld für vertraute analoge Trampelpfade, kaum Kohle für ungeahnte digitale Möglichkeiten.

M

ach es wie die Sonnenuhr, zähl die schönen Stunden nur … Der meistkopierte Spruch aus einstigen Poesiealben taugt in Abwandlung längst für Autobahnnutzer. Jeder Kilometer ohne Baustelle ist ein Glücksfall. A1 bis A25 sind die besten Erklärungsmodelle für die Vorbildwirkung der österreichischen Arbeitslosenstatistik. Man baut. Mitunter unsichtbar, aber die Smiley-Hinweise „Nur noch xy km“ sind die erfolgreichste Hinweisschilder-Innovation seit Jahrzehnten. Vergiss die Rettungsgasse!

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Ebenso unsichtbar sind die Fortschritte für Brennerbasis- und Koralmtunnel. Als „alternativlos“ punziert Landeshauptmann Günther Platter seit Jahren das Tiroler Projekt. Diese Einschätzung ist für ihn vor allem risikolos. Denn der Gegenbeweis lässt sich erst nach Ende seiner Dienstzeit antreten. 2025, zum vorerst noch geplanten Zeitpunkt der Fertigstellung, wäre er 17 Jahre im Amt. Eduard Wallnöfer, der es 24 Jahre innehatte, lebte vergleichsweise gefährlicher mit der ironisch gemeinten, aber ernst interpretierten Anmerkung: „Was Gott durch einen Berg getrennt hat, soll der Mensch nicht durch einen Tunnel verbinden.“ Der Bau des Arlberg-Straßentunnels dauerte nur 53 Monate.

 

Der Bau des Arlberg-Straßentunnels dauerte nur 53 Monate – ein Musterbeispiel für die Zusammenarbeit aller Verwaltungsebenen.

STADT, LAND, BUND, UNION.

Die Dreieinigkeit von Stadt, Land und Bund: Zu dieser politischen Musketierformel gehört als D’Artagnan längst die Union; aber nicht unbedingt als vierter im Bunde. Denn bei den schweren Brocken hat jene kommunale Stufe Pause, die ansonsten schon aufgrund des Subsidiaritätsprinzips der EU immer mehr Gewicht hat – nein, haben sollte. Fehlt die tiefste oder die höchste Ebene, ist das selten ein Problem, sondern sachlich bedingt. 

Was ein richtiger Tunnel ist, der umfährt Gemeinden und verbindet Regionen: gefördert von der Nation, unterstützt durch die Union. Verweigert sich jedoch ein Bindeglied dazwischen, wird es schwierig: Wenn die EU subventioniert, was der Staat ignoriert, lenkt dieser seine Länder geradezu von Wien nach Brüssel – und stellt sich selbst in Frage.

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Drittelfinanzierungen mit dem Partner EU scheitern immer wieder am mangelnden Willen der Länder, ihr Scherflein beizutragen – für Projekte, die gerade nicht in die heimische Parteifarbenlehre passen. Da dies international peinlich wirkt,

Al Gores Vision vom Information Highway war schwer vermittelbar in Österreich.

DIE NEUE STANDORTQUALITÄT.

Dabei geht es nicht um das Ausspielen von analoger Autobahn kontra digitalem Highway. Doch es ist hinterfragbar, ob Straßenbau noch Perspektiven sichert. Die Errichtung von Breitbandnetzen für schnelles Internet hingegen fördert fraglos die Wettbewerbsfähigkeit von Regionen. Die üblichen Merkmale dafür sind überholt. Ihre Aufrechterhaltung ist das Werk starker Lobbys, ihre Anfechtung wäre seit 20 Jahren das Gebot der Stunde. Schon 1994, als der designierte Generalintendant Gerhard Zeiler in Alpbach sein Credo für den ORF verkündete (das in diesem bis heute gilt), kamen die Grußworte von US-Vizepräsident Al Gore – dem politischen Vordenker des Information Highway.  

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Verfügbarkeit von Fachkräften und Hochqualifizierten, Erreichbarkeit von Bevölkerung, Beschäftigten und Flughäfen:

Die herkömmlichen Kriterien für Standortqualität sind durchwegs analog gedacht und stammen aus der Zeit der Industrialisierung, der Ära von Manpower. Da fehlt zumindest der online bewirkte Vorrang geistiger gegenüber körperlicher Mobilität. Die Möglichkeit des schnellen Up- und Download schlägt die Airport-Nähe am Höhepunkt der Digitalisierung, in der Epoche von Brainpower.

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Al Gores Vision vom Information Highway war schwer vermittelbar in Österreich, wo erst 1996 das wirkliche Jahr des Internet-Durchbruchs war.