Wir empfehlen
JUNI 2014

Essay

Tiki-Taka-Terror

Ein paar Worte zur Fußball-WM. Warnhinweis: Diese Kolumne kann Gefühle verletzen. Vielleicht sogar Ihre.

E

ine Fußball-WM ohne Chauvinismus ist möglich, aber sinnlos. Das muss einmal klar gesagt werden, sehr geehrte Damen und Herren Ballsportfreunde. Stichwort: Spanien. Also ich hoffe ganz fest, dass die nicht noch einmal Weltmeister werden. Und Halbfinale muss jetzt auch nicht unbedingt sein. Es soll endlich wieder eine Mannschaft gewinnen, die nicht aus sieben Türstoppern mit Ballbesitzneurose besteht. Wo ein Stürmer auch einmal hergeht und sagt: Guten Tag, ich verdiene sieben Millionen Euro im Jahr und den Scheißball mach ich jetzt einfach irgendwie rein.

// 

Aber nicht dass Sie, liebe Leser, in Ihrer Spitzfindigkeit jetzt glauben, ich hätte etwas gegen Spanier. ¡Por el contrario! Ich bin ein großer Freund der spanischen Lebensart. Pasta asciutta und so weiter, davon kann ich gar nicht genug bekommen. Nur ändert das nichts daran, dass endlich einmal Schluss sein muss mit diesem elenden Ballgehalte, dem iberischen Tiki-Taka-Terror.

// 

Der Spanier isst nicht nur wahnsinnig spät zu Abend – so gegen halb Drei –, er lässt sich am Fußballplatz auch extrem Zeit mit dem Abschluss, fast möchte man sagen: Er verachtet ihn. Der Spanier will in Wahrheit nämlich überhaupt keine Tore schießen, am liebsten wäre es ihm, wenn der vollkommen entnervte Gegner mithilfe eines Kollektivharakiris im Mittelkreis aufgibt, nicht ohne davor noch eine Erklärung unterzeichnet zu haben, die besagt: Ihr Spaniaten seid die größten Zauberer, wo gibt. Oder eine weitgehend blondierte Expertinnen-Jury kürt die schönste Kombination des Abends. Inklusive Sonderpreis für den besten Pass unter fünfzig Zentimetern.

// 

Apropos Kombination: Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist ja nicht nur ein Sportereignis, sondern auch eine kulturelle Angelegenheit von Weltrang. Stichwort: Völkerverständigung. Als echter Fan und Kosmopolit interessiert man sich schließlich immer auch für das Drumherum. Welches in diesem Fall Brasilien heißt.

Liegt übrigens herrlich, dieses Brasilien – vis-à-vis von Afrika. Von Mittelamerika kommend hält man sich einfach links.

 Gut, das war’s auch schon wieder mit dem Informationsbedürfnis zum Gastgeberland. Liegt übrigens herrlich, dieses Brasilien – vis-à-vis von Afrika. Von Mittelamerika kommend hält man sich einfach links, aber Achtung: Im Süden ist jetzt bis 21 Uhr Kurzparkzone. Natürlich gibt es unverbesserliche Weltverbesserer, die auf Raubtierkapitalismus, Polizeigewalt, Menschenrechtsverletzungen und solche schiachen Dinge hinweisen. Aber haben wir dafür nicht den Songcontest, frage ich Sie. Obschon auch ich hier eine gewisse Tragik erkennen kann: Während es in Brasilien Millionen rechtschaffenen Menschen richtig dreckig geht, führen Österreichs Fußballkommentatoren ein größtenteils unbehelligtes Leben. Viele werden auf der Straße gegrüßt, haben Familie und wenn niemand Besseres Zeit hat, meldet sich manchmal sogar irgendein Schwerhöriger oder Schmerzbefreiter, um sich auf ein Bier zu verabreden. Angesichts dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit schlagen nicht nur atheistische Neigungen durch, man ist zudem geneigt, den GIS-Beitrag künftig nach Brasilien zu schicken. Und ja: auch den vom Zweitwohnsitz.

// 

Weil wir ja beim Chauvinismus waren: Die Fußball-WM ist die Zeit der Ahnungslosen. Man möchte gar nicht glauben, wer da alles aus seinen begehbaren Schränken und Zalando-Bestellzimmern gekrochen kommt, um sich zu Fachkommentaren wie „Puh, die Blauen spielen aber gemein“ bemüßigt zu fühlen. So. Damit darf ich mich nach den Spanienfreunden, die schon bei Zeile fünf ausgestiegen sind, nun auch ganz herzlich von den weiblichen Fußballfans verabschieden. Entschuldigung. Allen anderen Frauen rufe ich aufrichtig zu: Ich liebe und verehre euch alle! Aber nicht beim Fußballschauen.