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JUNI 2014

Kino

Alltags-Held

Mit „No Turning Back“ gelingt Steven Knight ein Helden-Epos der anderen Art. Kein muskelbepackter Superheld rettet die Welt, stattdessen bewahrt ein Mann seine eigene Integrität.

N

ein, kein Druckfehler: Die Besetzungsliste von „No Turning Back“ ist wirklich rekordverdächtig kurz. Genau gesagt gibt es nur einen einzigen Schauspieler: Tom Hardy („Inception“, „The Dark Knight Rises“) als junger Bauaufseher Ivan Locke.

Zerbrechender Alltag.

Ihn begleitet die Kamera auf einer knapp 90 Minuten dauernden Fahrt über nächtliche englische Autobahnen nach London. Den Grund für diese Fahrt erfährt man erst nach und nach, zunächst ist nur eines offensichtlich: Der sichtbar übermüdete Ivan Locke steht unter Druck, gewaltigem Druck.

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Ein Anruf jagt den nächsten, Locke versucht, eine Situation, die zu entgleisen droht, mühsam unter Kontrolle zu halten. Zeitgleich sagt er einen Familienabend ab, organisiert die größte berufliche Herausforderung seines Lebens, an der er nicht teilnehmen wird, verliert deshalb seinen Job und gesteht seiner Frau einen Seitensprung mit weitreichenden Folgen: Locke wird noch in dieser Nacht Vater, die Mutter seines Kindes kennt er nur von einem One-Night-Stand. Die Frau liegt jetzt verfrüht

in den Wehen, zu ihr fährt Locke in die Klinik. Die Zeit, noch alles in Ruhe zu regeln, fehlt. Den Grund für Ivan Lockes nächtliche Fahrt offenbaren fiktive Zwiegespräche, die Locke zwischen den Telefonaten mit seinem längst verstorbenen Vater führt. Das eigene kindliche Trauma im Nacken, will Locke – anders als sein Erzeuger – Verantwortung übernehmen und für sein Kind von Anfang an da sein. 

Im Bann Tom Hardys.

Regisseur Steven Knight präsentiert in „No Turning Back“ einen Helden, der im Kino Seltenheitswert hat. Ganz ohne Muskelberge und Superkräfte versucht ein Mann, einmal nicht die Welt in 48 Stunden zu retten, sondern die richtige Entscheidung zu treffen und zu seiner Verantwortung zu stehen, koste es, was es wolle. Tom Hardy als Ivan Locke gelingt, was vor ihm wenige versuchten: als einziger Schauspieler eines Dramas über eine gesamte Spielfilmlänge sein Publikum in den Bann zu ziehen. Dass er nebenbei ein Role Model neuer Männlichkeit mit echtem Leben erfüllt, ist ihm hoch anzurechnen.