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JUNI 2014

Im Dunstkreis der Lust

Hausmeister und Verkäufer – ein alltäglicher Job, aber nicht dort, wo sie ihn ausüben: in der Erotik- bzw. Sexbranche. Wie sieht der Arbeitsalltag im Dunstkreis der Lust aus? 6020 hat schamlos nachgefragt.

Interview: Denise Neher
Fotos: Emanuel Kaser, Illustrationen: Monika Cichon

Der Hausmeister

Karl-Heinz Posch

verdient sein Geld dort, wo es andere Männer ausgeben: im größten Sauna- und Bordellbetrieb Europas, im Circolo Passion am Grabenweg. Seit der Eröffnung vor zwei Jahren ist der gelernte Chemiker als Hausmeister für einen 2.000-Quadratmeter-Betrieb zuständig.

6020:

Hatten Sie Bedenken, diesen Job anzunehmen? KARL-HEINZ POSCH: Zu Beginn schon, aber nur aufgrund der großen technischen Herausforderungen. Wir sind ein Mega-Betrieb, der viele Fähigkeiten verlangt.

 

Was machen Sie den ganzen Tag? Ich kann gar nicht alles aufzählen. Ich bin für die Wasseraufbereitungsanlage zuständig, für die Diskothekenanlage, für die Schankanlage, fürs Kino oder auch beispielsweise für die Technik in der Sauna. Wenn ein Mädchen mal schnell etwas von der Apotheke oder von außerhalb braucht, dann flitze ich auch los.

 

Erzählen Sie privat von ihrem Job? Nein, nie. Diskretion steht an erster Stelle.

 

Welche Charaktereigenschaften außer Diskretion braucht es in Ihrem Job noch? Man muss Menschen mögen. Ich höre jeden Tag so viele Geschichten. Die Mädchen schütten mir oft ihr Herz aus. Sie sind meist weit weg von zuhause und brauchen jemanden, der einfach nur zuhört. Außer den Mädchen arbeiten noch 17 Angestellte hier, angefangen von der Rezeption über die Sauna, Küche bis hin zum Reinigungspersonal. Wir sind eine große Familie. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so ein gutes Betriebsklima erlebt. Es ist mein Traumjob. 

 

Haben Sie sich durch diesen Job verändert? Ich bin schon fast zu einem Frauenflüsterer geworden. Ich kenne mich jetzt mit Frauenproblemen jeglicher Art aus, auch mit körperlichen.

Die Verkäufer

Thomas Feuchtner

ist seit fünf Jahren Verkäufer und seit kurzem Filialleiter beim Erotikshop Seven Sins in der Leopoldstrafle.

 

Martina Schrems

arbeitet seit fünf Jahren als Verkäuferin bei Private Affairs beim Einkaufszentrum DEZ.

 

6020:

Wie sind Sie zu Ihren Jobs gekommen und was haben Sie davor gemacht? THOMAS FEUCHTNER: Ich habe Pädagogik studiert und bin durch eine Stellenanzeige neugierig geworden. Ich habe mir gedacht, das klingt nach ein spannenden Job und das ist er ja auch.

MARTINA SCHREMS: Ich war davor Heilmasseurin und bin durch eine Bekannte auf die freie Stelle aufmerksam geworden. Mein Hintergrund als Heilmasseurin hilft mir übrigens immer wieder bei Kundengesprächen. Bei Prostataproblemen oder beim Problem der Gebärmuttersenkung habe ich gleich ein Bild vor Augen und kann so besser beraten.

 

Wie reagieren die Menschen in Ihrem privaten Umfeld auf Ihren Job, wenn sie das erste Mal davon hören? SCHREMS: Es reagieren alle sehr neugierig und es wird dann auch fast immer zu einem großen Gesprächsthema. Es kann sogar passieren, dass es zu einer halbstündigen philosophischen Betrachtung des Themas Sexualität ausufert. Die häufigste Frage lautet: Wie ist das so?

FEUCHTNER: Mich fragen sie immer: Wer kommt so? (lacht)

 

Inwieweit ist Ihr Job als Verkäufer in einem Sexshop anders als beispielsweise in einem Modegeschäft? SCHREMS: In der Erotikbranche braucht es ganz viel Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, aber auch Zurückhaltung. Man muss wissen, auf welche Kunden man zu einer Beratung aktiv zugehen kann, welche man ansprechen kann und welche nicht. Es gibt Kunden, die sind so verschämt, die würden gleich abhauen, wenn man sie ansprechen würde.

FEUCHTNER: In diesem Job muss man Menschen mögen, anders geht es nicht. Interessanterweise sind in einem Sexshop immer gleich alle per du. Viele Kunden begegnen uns sehr offen, erzählen uns oft die privatesten Dinge und wollen sogar Ratschläge haben. Sexfragen sind oft auch Beziehungsfragen, man wird dabei fast zum Psychologen. Dieses Vertrauen, das uns Kunden häufig schenken, ist schon etwas ganz Besonderes und erlebt ein Verkäufer in einer anderen Branche nicht unbedingt.

„In der Erotikbranche braucht es ganz viel Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen, aber auch Zurückhaltung.“

Martina Schrems