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JUNI 2014

Interview Aktiv

„Es geht da oben um alles“

Gemeinsam mit David Lama und Peter Ortner wagt das Tiroler Kletterass Hansjörg Auer im Juni die Erstbesteigung der Masherbrum-Nordostwand in Pakistan. Im 6020-Interview spricht der 30-jährige Ötztaler über das Abenteuer seines Lebens.

Fotos: Elias Holzknechtr

Zur Person

 

Hansjörg Auer wurde 1984 geboren und wuchs in Umhausen auf. 1996 begann er mit dem Klettern. Als Sportkletterer gelangen ihm Erstbegehungen und Wiederholungen in den höchsten Schwierigkeitsgraden, seit 2004 unternahm er mehrere alpine Expeditionen, unter anderem in Patagonien, im Yosemite Valley und im Karakorum, wo auch der Masherbrum liegt. Bekannt wurde Hansjörg Auer besonders durch die erste Free-Solo-Begehung (ohne Hilfs- und Sicherungsmittel) der 1.220 Meter langen Route „Weg durch den Fisch“ in der Marmolata in den Dolomiten.

 

Mehr Infos: www.hansjoerg-auer.at

 

6020:

Erstbesteigung der Masherbrum-Nordostwand – wie kommt man auf diese Idee? HANSJÖRG AUER: Das Projekt ist schon länger in den Köpfen der Kletterelite, die Idee ist nicht neu. Aber jetzt ist es an der Zeit. Eine Erstbesteigung ist immer sehr reizvoll. David und Peter waren im Vorjahr schon vor Ort, um sich einen Überblick zu verschaffen, jetzt wagen wir die Nordostwand gemeinsam.

 

Wie passt ihr drei zusammen? Wir ergeben eine gute Mischung. Peter und ich sind fast gleich alt und haben eine gewisse Routine, David hat für sein junges Alter auch schon einiges erlebt. Die beiden waren zuletzt gemeinsam am Cerro Torre in Patagonien unterwegs, kennen sich also gut. Peter hat zwei Kinder zuhause und ist sicher der Ruhepol. Es braucht die richtige Kombination: Mit drei Vernünftigen kommen wir nie nach oben, drei Freaks wären wiederum zu gefährlich.

 

Was erwartet euch am Masherbrum? Eine Riesenherausforderung, da braucht man wirklich Eier. Man kommt bis auf 7.800 Meter Höhe, die Wand selbst ist 3.000 Meter hoch und felsig-vereist. Es ist sehr steil, vor allem der obere Teil ist ungemein schwierig, du musst mit allen möglichen Komplikationen rechnen. Die Hälfte unserer Vorbereitung umfasst die Akklimatisierung. Deshalb sind wir schon Mitte Mai aufgebrochen, um uns am Broad Peak, einem der Achttausender, auf das Projekt einzustimmen. Dann hoffen wir, etwa um den 20. Juni herum das optimale Wetterfenster zu finden.

 

Mindestens fünf Tage werden wir für die Begehung brauchen.

 

Würdest du dich als positiv Verrückten bezeichnen? Ein wenig verrückt bin ich vermutlich schon – aber ich spiele kein russisches Roulette, ich will doch ganz gerne heil zurückkehren. Ich bin sicher eher bereit, ein Risiko einzugehen, als manch andere. Der Gefahren bin ich mir aber schon immer bewusst, es wird ja alles genauestens geplant. Am Masherbrum ist der Grat zwischen Leben und Absturz allerdings schmal.

 

Wie kommt man zu einem nicht gerade ungefährlichen Sport wie dem Klettern? Das hängt viel vom Elternhaus ab. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Bergsteigen immer schon einen wichtigen Platz eingenommen hat. In meiner Jugend war ich außerdem in einer Gruppe von Jungs, die ständig am Klettern waren. Ich war damals schon der Antreiber und habe die Ideen eingebracht. Daraus hat sich eine sehr starke Leidenschaft entwickelt – und auch eine gewisse Abhängigkeit, wie das bei jedem Fanatismus normal ist. Früher war ich eher beim Sportklettern zuhause, jetzt kehre ich zu meinen Bergsteigerwurzeln zurück.

 

Kannst du die Angst beim Klettern komplett abstellen? Ich habe genauso Angst, das ist menschlich. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Wenn ich mir zu unsicher bin, kann ich’s gleich lassen. Bevor ich etwa als Erster die schwierige Route „Weg durch den Fisch“ in der Marmolata Free-Solo geklettert bin, war mir klar, dass das funktionieren wird.