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JÄNNER 2014

Essay

Zurück im Job

Oder: Ein Rückschritt ist ein Durchbruch in die falsche Richtung.

S

o, erst mal Fenster auf und frische Bergluft rein. Und einmal kräftig durchgeatmet. Pah, ist es nicht großartig, wie es vor uns liegt, dieses 2014, liebe Freunde von der Leserfront? Unberührt, formbar, verheißungsvoll. Das neue Jahr – ein Versprechen, das es nur mehr einzulösen gilt, nicht wahr?

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Aber da sind diese Selbstzweifel. Bohrend und unerbittlich. Die halbe Rohypnol hilft, das ja. Und doch frage ich mich, während ich diese Zeilen schreibe und die slowakische Pflegerin mir endlich wieder einmal die Füße macht: Tust du wirklich alles für die Leser, Park, gibst du dein letztes Hemd, wie sich das für einen derangierten Berufskomiker gehört?

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Meine Moral ist ja momentan im Tiefparterre. Grund: Das Sirupkapseldesaster. Falls Sie die letzte Stunde dieses famosen Erwachsenenbildungsprogramms gefehlt haben: Ich hatte unlängst eine Weltidee, nämlich Verdünnungssaft in Kapseln, wie sie sonst bei den Kaffeemaschinen der Schönen und Reichen Verwendung finden. Stichwort: Nie mehr klebrige Finger, immer den perfekt dosierten Saft für die geliebte Kinderschar und so weiter. Die Schulterklopfer waren natürlich sofort zur Stelle. „Das musst du machen, Johnny.“ „Unbedingt. Ich sag dir, das funktioniert wirklich.“ Ja, was denn sonst, ihr Volleier aus Bodenhaltung!

Wenn ich mich mit dieser Sirup-Geschichte nicht sofort vertschüsse, lässt er mich mit 4.000 Decaffeinato-Kapseln steinigen.

 

Dann hatte ich plötzlich George am Telefon. Clooney. Also ich kann Ihnen sagen: Im Fernsehen wirkt der gute Mann sympathisch, aber das kann vielleicht ein Arsch sein. Ich habe fast nichts verstanden, so geplärrt hat der. Eines habe ich nach einigem Hin und Her dann aber doch kapiert: Wenn ich mich mit dieser Sirup-Geschichte nicht sofort von der Bildfläche vertschüsse, lässt er mich mit 4.000 Decaffeinato-Kapseln steinigen. Eine Fehlbestellung seiner Ex-Freundin oder so.

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Ich also wieder zurück am Schreibtisch. Was für ein Rückschritt. Für Sie, aber mehr noch für mich. So ein Motivationstief will erst einmal überwunden werden. Zumal man es ja – wenn schon, denn schon – trotzdem richtig machen will. Für mich bedeutet das: Schluss mit den gefühligen Lehnstuhlkolumnen und Heizdeckenhumoresken der letzten Zeit! Ab sofort muss ich dahin, wo’s weh tut!

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Was halten Sie zum Beispiel von einem Erlebnisbericht zum Thema „Nahtoderfahrung“? Oder ich lasse mir eine ordentliche Portion Botox verabreichen und wir schauen mal, ob man damit die Pofalte wegbekommt. Sie sehen: Ich bin zu jeder Abartigkeit bereit, selbst wenn ich mich dafür als Miley Cyrus des deutschsprachigen Feuilletonprekariats beschimpfen lassen müsste.

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Ein Gutes hat das Ganze ja immerhin: Ich brauche mir über großartige Vorsätze fürs neue Jahr keine Gedanken mehr zu machen. Das befreit ungemein, die üblichen kommen bei mir nämlich nicht in Frage. Ich rauche nicht mehr, trinke praktisch nichts und Fleisch esse ich auch fast keines mehr. Fachleute nennen das Verhitlerung. Schrecklich ist das, aber wenigstens passt es gut zu den Heinrich-Himmler-Erinnerungsfrisuren, die man heute beim geschichtsvergessenen Coiffeur ums Eck verpasst bekommt. What’s the reason for this Wies’n, kann man da eigentlich nur fragen.

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Wie auch immer: 2014 wird ein Jahr voller Abenteuer, lassen Sie sich das gesagt sein. Und damit der Anfang gemacht ist, gehe ich heute ohne Zahnseide ins Bett.