Wir empfehlen
JÄNNER 2014

Interview

Die Goaß im Lift

Neu-Arzl-Olympisches Dorf ist wohl der Stadtteil, in dem man Innsbruck die „Weltstadt“ – gut oder schlecht – am ehesten abkauft. Warum die Hochhaussiedlung weit besser ist als ihr Ruf, erklärt Friedl Ludescher, Präsident des Verbandes Neu-Arzl-Olympisches Dorf.

Interview: Klaus Erler
Fotos: Franz Oss
6020:

Wie kann man sich Neu-Arzl in den frühen Sechzigerjahren vorstellen? Friedl Ludescher: Am Gelände des jetzigen O-Dorfs gab es Wiesen und ein paar kleine Baggerseen, in denen die Kinder von Neu-Arzl geplantscht haben, nicht viel mehr. Rund um die Pontlatzerstraße war die Schießstand-Siedlung mit einer dorfähnlichen Struktur aus niedrigen Einfamilienhäusern. Als dann 1963 das erste O-Dorf mit 689 Wohnungen fertiggestellt wurde, hatte man einen architektonischen Sonderfall: Plötzlich standen acht Hochhäuser zwischen den noch immer ausgedehnten Feldern, die sich zum Schilf am Inn hin erstreckten, sozusagen Heumandl und Hochhaus: ein Paradies für Kinder.

Wie stellte sich die Situation für die erwachsenen Neu-O-Dörfler dar? Das O-Dorf wurde von Anfang an vom restlichen Innsbruck eher kritisch betrachtet, wohl auch, weil es abseits gelegen war. Als ich 1968 mit meiner Familie in eine O-Dorf-Wohnung eingezogen bin, fragte man mich im Bekanntenkreis, ob ich denn nichts anderes gefunden hätte? Das Paradoxe dabei: Unsere Wohnung im 11. Stock eines Blocks in der An-der-Lan-Straße war durchaus attraktiv, sehr hell, mit 120 Quadratmetern großzügig angelegt, hatte einen wunderbaren Ausblick und war zudem bezahlbar.

 

Gab es auch weniger angenehme Aspekte des O-Dorf-Lebens? Natürlich waren da auch unbestreitbare Nachteile: Der soziale Kontakt untereinander war zur damaligen Zeit nicht so ausgeprägt, nach 1964 war von einer Geisteshaltung olympischer Internationalität teilweise wenig zu spüren.

Die Goaß im Lift

„Heumandl und Hochhaus: Das erste Olympische Dorf war ein Paradies für Kinder.“

 

Tagen erzählt. Laut seien die ehemaligen Bocksiedlungsbewohner gewesen und teilweise auch unverständig, wenn es ums moderne Wohnen ging: So konnte es damals auch passieren, dass ein Aufzug zum Geißenstall zweckentfremdet wurde, wenn der eigentliche Einsatzbereich dieses technischen Hilfsmittels als sinnlos erachtet wurde. Auch an das fließende Wasser in den Wohnungen musste man sich mancherorts erst gewöhnen ... Vier Jahre später hatte sich die Situation allerdings längst normalisiert.

 

Wie wurde das neue Olympische Dorf 1976 von den bereits lange ansässigen „alten“ O-Dörflern wahrgenommen? Mit dem neuen O-Dorf waren die Felder weg, den Inn hat man nicht mehr gesehen, es gab nur mehr wenige Wiesen zum Spielen: Die alteingesessenen O-Dörfler haben da sicher keine Freude gehabt, mussten dann aber die Notwendigkeit neuer Wohnungsbauten einsehen. Im Grunde genommen wiederholte sich die Situation der frühen Sechzigerjahre. Damals waren die Bewohner der Schießstandsiedlung um die Pontlatzerstraße alles andere als glücklich, dass die Hochhäuser des ersten Olympischen Dorfs ihnen die Sonne im Süden und den weiträumigen Erholungsraum wegnahmen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Friedl Ludescher

Präsident des Verbandes Neu Arzl / Olympisches Dorf, Präsident des österreichischen Rodelverbandes, ehemaliges Mitglied des Österreichischen Olympischen Comités, ehemaliger Vorstand der Sportabteilung des Landes Tirol

 Odorf Stadtteil018