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FEBER 2014

Essay

Speichelprobe

Beim Spucken hat der Chinese uns etwas voraus. Aber nicht nur dabei.

U

nlängst schleppte ich mich und meinen abgefuckten Astralleib durch die Stadt, da spuckte ein paar Schritte vor mir eine ältere Frau aus. Sämtliche Weltbeherrschungsfantasien, die mich in Beschlag genommen hatten, waren im Nu verschwunden. War ich doch nicht bloß Zeuge einer mit spitzen Lippen vorgetragenen Oh-da-ist-ein-Haar-im-Bienenstich-Spuckandeutung geworden. Im Gegenteil: Wir reden hier von einem richtigen Gerät, einem nach allen Regeln der Ballistik behände durch die Luft gezirkelten Schleimgeschoss von mittlerer Viskosität. Zuerst war ich trotz aller Begeisterung für den entspannten Umgang mit Körperflüssigkeiten konsterniert.

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Doch zugleich faszinierte es mich auch, dass nicht wie üblich ein Mitglied des jugendlichen Prekariats seine Kapitalismuskritik aufs Trottoir spie. Nein, hier entledigte sich jemand aus der Mitte der Gesellschaft seines Geifers. Und das gekonnt und unaufgeregt. Als leidenschaftliche Solidarfrau bin ich der Meinung, dass Frauen nicht nur in der Lage sind, Multimilliardenunternehmen zu führen oder Päpstin zu werden, sondern auch auf den Asphalt schlatzen können, wenn sie das wollen. Aber ungewöhnlich war es schon, das darf man schon sagen.


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Zumal Spucken bei uns keinen leichten Stand hat. Es ist aus der Mode gekommen wie Hinrichtungen oder kein Sex vor dem ersten Date. In China ist das anders. Der Chinese spuckt für sein Leben gern. Zuweilen hat man sogar den Eindruck, der Chinese spuckt mehr, als er uriniert. Der Chinese ist ganz klar das Lama unter den Völkern. Auf den Straßen und Plätzen dieses großartigen Landes liegt jedenfalls oft ein dezent gelb schimmernder Film aus Auswurf, eine regelrechte Schleimbeschichtung. Nur bei Minusgraden herrscht Spuckverbot – wegen der Glatteisgefahr.

Spucken ist bei uns aus der Mode gekommen wie Hinrichtungen oder kein Sex vor dem Ersten Date.

 

Nicht nur die chinesische Sprache ist schwer zu erlernen. In China wird so viel gespuckt, gerotzt und gespeichelt, dass Kinder etwa fünf Jahre brauchen, bis sie in der Lage sind, beim Spazierengehen allen Klacheln auszuweichen, die da so angeflogen kommen. Täglich aufs Neue herausgefordert werden auch die Kriminaltechniker der chinesischen Polizei. In keinem Land der Welt liegt an einem durchschnittlichen Tatort mehr DNA herum. Welche Spucke vom Täter stammt, das müssen Sie da erst einmal herausfinden, mein lieber Schwan. Noch dazu, wo chinesische Auswürfe doch alle gleich aussehen!

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Keine Frage: Für Europäer erscheint die Angewohnheit, seinen Speichel großteils nicht im Magen, sondern am Boden zu deponieren, nicht zuletzt wegen der Hundefleischanteile in der Spucke bizarr bis eklig. In Wahrheit kann man von China aber nur lernen. Der Chinese hat die drei wichtigsten Erfindungen der letzten dreitausend Jahre gemacht: Papier, Schießpulver und Spaghetti. Hinzu kommt der ganze Kampfsportkomplex. Kung shui, Feng fu, und so weiter. Die eingesprungene Fußwatsche zählt zu den wirkungsvollsten Selbstverteidigungstechniken ohne Schusswaffe. Und bitte vergessen wir die musikalische Früherziehung nicht! Die Exekution einer Chopin-Sonate auf Klavier, Geige oder Basstuba gehört zum Standardrepertoire im chinesischen Kindergarten. Das ist doch überhaupt kein Vergleich zum erbärmlichen Gequietsche in unserer Kleinkindaufbewahrung.

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Schon bei den Kleinsten sind uns die Chinesen also meilenweit voraus. Man soll keine Zusammenhänge herstellen, wo keine sind, aber ich halte fest: Die Chinesen spucken und wir nicht. Wenn man es sich recht überlegt, hat die schlatzende Frau volkswirtschaftlich vollkommen richtig gehandelt. Man erkennt die Absicht und ist begeistert. Irgendwer muss schließlich den Anfang machen.