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FEBER 2014

Jugend

Nestbauer

15 Plätze kann die Wohngemeinschaft Nestwärme in Innsbruck jungen Menschen zwischen 15 und 21 Jahren bieten. Wenn sie in ihrem Zuhause nicht mehr bleiben können, dringend ein neues brauchen oder vielleicht nie eines hatten.

Fotos: Emanuel Kaser
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ie Wände des Empfangsbereichs der Nestwärme GmbH in der Andreas-Hofer-Straße schmücken zahlreiche Fotos von Babys, Postkarten und selbstgemalte Bilder. Diese Gesten der Dankbarkeit sind an die Mitarbeiter adressiert.

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Andreas Koch ist pädagogischer Leiter der Nestwärme, einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft für Mädchen, Burschen und junge Mütter. Die jungen Menschen werden über das Jugendamt an die Einrichtung verwiesen. Sie alle haben einen ähnlichen Hintergrund und kommen aus „sozial schwachen“ Familien – was aber nicht bedeute, dass die Nestwärme keine Klienten aus sogenannten „guten Familien“ hätte, ergänzt Andreas Koch. Die Jugendlichen sind mit Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch konfrontiert, sind in ein für sie schädliches Umfeld geraten oder rebellieren gegen ihre Eltern, alle Regeln und am Ende gegen sich selbst. „In der Pubertät sind die Eltern Staatsfeind Nummer Eins, gerätst du dann noch in eine falsche Clique, bist du fällig“, weiß Andreas Koch. Müssen die Jugendlichen also ihr Zuhause verlassen, finden sie in der Nestwärme vorübergehend ein neues. Sie reisen mit schwerem Gepäck an. In einigen Fällen mit Gepäck für zwei.

Junge Mütter.

Derzeit befinden sich drei junge Mütter in der Obhut der Nestwärme. Sie leben zusammen mit ihren Kindern in einer Wohngemeinschaft. „Im letzten Jahr hatten ‚wir’ sieben Mal Nachwuchs“, erzählt Koch. Im Vorfeld wird ihnen eine Krankenschwester zur Seite gestellt, sie werden zu Arztterminen begleitet und auf die Geburt vorbereitet. Die jüngsten Mütter sind 14 Jahre alt, die meisten zwischen 15 und 17 Jahren. Nicht immer können die Verantwortlichen die Kinder in der Obhut der Mütter lassen. In so einem Fall entscheiden die Behörden auf Empfehlung der Betreuer der Nestwärme. 

„Aber es sind die Erfolge, die uns, das Team und mich, dann wieder aufbauen. Wenn dir ein junges Mädchen, welches selbst nie Mutterliebe erfahren hat, stolz erzählt, ihre Kleine könne jetzt bei ihr im Bett schlafen, dann freut uns das. Auch wenn es drei Jahre gedauert hat, bis sie so weit war.“ Geduld ist wohl das oberste Gebot in der Arbeit mit diesen jungen Menschen, Regeln und vor allem die Einhaltung der selbigen sind in der Nestwärme Gesetz. Diese gelten auch für die jungen Mütter, in mancher Hinsicht noch mehr als für die anderen Klienten.

Pflichten und Rechte.

Ausgehzeiten beachten, Besuche von Freunden anmelden, die Wohnung sauber halten, Termine nicht vergessen, Behördengänge erledigen, zur Schule oder zur Arbeit gehen, das Geld selbst verwalten, kein Alkohol, keine Drogen, das Rauchverbot in den Wohnungen einhalten. All diese Dinge werden verlangt, in der Ausführung von den Betreuern begleitet und bei Verstößen oder Nichteinhalten sanktioniert. Mit Verwarnungen, der Wegnahme von Privilegien und – in letzter Konsequenz – mit dem Rauswurf. „Die Regeln waren anfangs schwer für mich. Zuhause habe ich gemacht, was ich wollte“, erzählt eine ehemalige Bewohnerin der Nestwärme. Heute lebt sie mit ihrer eigenen kleinen Familie in Amerika.

„Genug gechillt.“

„Wenn du es nicht machst, macht es niemand!“ Mit dieser Feststellung bringt ein weiterer ehemaliger Schützling der Nestwärme einen zentralen Aspekt von Andreas Kochs Arbeit auf den Punkt: „Selbstständigkeit ist wichtig, wir gestalten den Alltag der Jugendlichen nah am Leben. 

Nestbauer Leiter

„Im letzten Jahr hatten ‚wir’ sieben Mal Nachwuchs.“ Andreas Koch, Leiter der Nestwärme-WG

 

Zahlen zum Thema

Mit Stichtag 31. Dezember 2012 wurden tirolweit 506 Jugendliche durch „volle Erziehung“ unterstützt. Es handelt sich also um Fälle, in denen eine Zusammenarbeit mit den Eltern oder begleitende Maßnahmen nicht (mehr) möglich sind und die Klienten an Einrichtungen wie die Nestwärme vermittelt werden. Pflegekinder sind mit dieser Zahl nicht erfasst.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen wird die Anzahl minderjähriger Mütter in Österreich nicht in Statistiken offizieller Behörden angeführt oder von den betreffenden Einrichtungen öffentlich gemacht.