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FEBER 2014

Essay

Heimat, die ich meine …

Je stärker Europa ins gesellschaftliche Bewusstsein drängt, desto klarer gerät Heimat zur Kernfrage der politischen Auseinandersetzung. Wer Amerika und Asien nicht die Führungsrolle überlassen will, muss vorerst klären, ob abendländische Vielfalt zur Einheit gegenüber den anderen taugt. Kaum deklariert, toben längst die Positionskämpfe von Tradition bis Neudefinition. Bisch a Tirola, bisch a Mensch, bisch koana, bisch …? Die Polarisierung steigt: Arschloch-Fraktion und Weltbürger-Wahn erleben gleichermaßen Aufwind, der Rest sucht verunsichert nach – Heimat.

D

abei wirkt alles ganz einfach: „Tirol ist das Herz-Jesu-Land“, begründet Andrä Rupprechter seinen auffälligen Eid zur Angelobung. Die Heftigkeit der darauf folgenden öffentlichen Auseinandersetzung kann nur entstehen, weil der Bergbauernsohn gleichermaßen Recht hat und Realität verweigert. Nirgends sonst gibt es noch eine Frömmigkeit speziell dieser Art, doch sie ist hier heute so wenig mehrheitsfähig wie die angebliche Volkspartei des Neopolitikers.

Doch der Verlust der absoluten Vormacht mündet in keinen entsprechend relativen Diskurs. Denn Deutungshoheit entscheidet über die künstliche Verlängerung überkommener Herrschaftsansprüche. Der Tiroler Bauer ist kein Knecht, er knechtet das Land. Eine Drei-Prozent-Minderheit mit hundertprozentigem Prägungswillen.

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In dieser Unbeirrtheit erscheint die Kerntruppe des ländlichen Raums anderen Bevölkerungsschichten weit überlegen und konserviert so die Zerrbilder vom Herrgottswinkel und heiligen Land. Unterstützt von zahlreichen anderen gesellschaftlichen Gruppen, die mangels eigener Identifikationsflächen und infolge von Minderwertigkeitskomplexen die

ZERRISSENE UND GRENZGÄNGER.

Ein Zerrissener wie der einstige Wissenschafts- und auch der neue Landwirtschaftsminister. Während Karlheinz Töchterle die Bandbreite zwischen sportlichem Naturburschen und intellektuellem Feingeist behutsam ausbalanciert, pendelt Andrä Rupprechter derber und volkstümlicher zwischen den Polen: Nicht nur seine erstaunlich hohen Beliebtheitswerte weisen ihn als politisch wesentlich instinktsicherer aus, als der Herz-Jesu-Einstand vermuten ließ. Geübt im europäischen Umgang à la Bruxelles, verbirgt er hinter landläufiger Attitüde durchaus kalkulierte Kernzielgruppenansprache.

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Dass beide Minister als Platters Erfindungen gelten, lässt auch ihn als Grenzgänger zwischen Heimat-Tradition und Selbstbild-Zukunft erscheinen. Doch der erklärte Schrittmacher einer Europaregion bis ins Italienisch sprechende Trentino kommt erst langsam in Verlegenheit, die Gretchenfrage zwischen Provinz und Internationalität zu beantworten. Die Wahlniederlage seiner Gegner, eine von der ursprünglich reinen Rhetorik zur Medienrealität mutierte ÖVP-Westachse und der abrupte Aufstieg vom Frischling zum Primus inter pares der Landeshauptleute im Umkreis prägen ihn für bundesweit agierende Zeitungen und Sender zur politischen Ansprechperson Nummer 1 diesseits des Mondsees.

Der Tiroler Bauer ist kein Knecht, er knechtet das Land.

 

Nicht nur in Tirol feiert aber vor allem die Krachlederne fröhliche Urständ, während intern die Orientierung zur Notebook-Modernität ebenso stagniert wie extern die Entwicklung eines Europa der Regionen. Im Gegenteil: Die schöne neue Medienwelt gerät zur perfekten Projektionsfläche fürs kollektive Cocooning – vom Aufsteirern bis zum 50-Jahr-Jubiläum des Vorarlberger Eigenheitsmythos Fussach. Der Zeitgeist simst im Dialekt, nur Altvordere tippen hochdeutsche SMS mit Wortvervollständigungsprogramm. Unterdessen bleibt das Heimatwerk ein unvollständiges Puzzle. Der Doppelpass mit Südtirol als Frage zweier nationaler Pässe? Ein Europa schaut anders aus.

Die Chancen für eine neue Heimat Tirol liegen in der Förderung jeglicher körperlicher wie geistiger Mobilität.

 

Wer etwas Besonderes bleiben will, braucht mehr als nur das, was ihn groß gemacht hat. Um das Spezielle des Angestammten zu erkennen, benötigt es vor allem Wissen um das Andere, über das Fremde. Deshalb liegen die Chancen für eine neue Heimat Tirol in der Förderung jeglicher körperlicher wie geistiger Mobilität – und bei einer Europaregion, die überkommenen, aber schwer veränderbaren nationalen Anbindungen

eine selbstbewusste Einheit ihrer Vielfalt gegenüberstellt.

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Die trutzige Rückkehr zu Tracht und Dialekt taugt kaum als Mittel einer solchen Interregionalisierung. Losgelöst von der reinen Brauchtumspflege zum angesagten Alltagsinstrument erschwert dies bloß das gegenseitige Verständnis – ein eher