Wir empfehlen
FEBER 2014

Die Macht der Berührung

„Love is the drug …“ sangen einst Roxy Music. Um nicht von der einen in die andere Abhängigkeit zu geraten, reicht bei der Sucht-Entwöhnung aber auch schon wohlwollende Berührung. Zumindest bei hierzu im Labor erforschten Ratten.

D

ass Verliebtsein und Sex sehr ähnliche Hirnregionen aktivieren wie Drogen, ist schon lange bekannt. Das Suchtforschungsteam von Prof. Gerald Zernig an der Medizinischen Universität Innsbruck hat jedoch jenseits von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eine vielversprechende Entdeckung gemacht: In einem eigens von den Forscherinnen und Forschern zu diesem Zweck entwickelten Tiermodell konnte gezeigt werden, wie simpler Körperkontakt über Sucht siegt und Entzug über sozialen Raum funktioniert.

 

Land der Süchtigen.

Laut Statistiken des Gesundheitsministeriums leben in Österreich bis zu 35.000 Personen, deren Drogenkonsum als problematisch zu bezeichnen ist. Alkoholkrank sind laut Anton-Proksch-Institut rund 360.000 Österreicher (Statistik 2013), von einem problematischen Umgang mit der Droge Alkohol muss man bei etwa zwölf Prozent (immerhin über eine Million Menschen) der Bevölkerung ausgehen. Etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen sind darüber hinaus nikotinsüchtig, etwa 120.000 medikamentenabhängig. Die Österreicher sind im internationalen Vergleich aber nicht nur relativ stark von Substanzen abhängig, sie leiden auch an anderen Abhängigkeiten wie etwa Spielsucht (Automaten oder Glücksspiel), Internetabhängigkeit und exzessives Konsumverhalten. 

In Summe betreffen diese nichtsubstanzgebundenen Abhängigkeiten etwa ein Zehntel der Bevölkerung, wobei letztere, die Kaufsucht, mit geschätzten 550.000 Betroffenen alle anderen Abhängigkeiten rein quantitativ in den Schatten stellt.

Sozialer Rückzug.

Einer der sich mit dem Thema Sucht seit vielen Jahren auseinandersetzt, ist der Neurowissenschafter und Psychotherapeut Gerald Zernig von der Medizinischen Universität Innsbruck. „Suchtverhalten ist immer gelerntes Verhalten“, weiß er aus Forschung und psychotherapeutischer Erfahrung. „Das ganze Leben wird auf das jeweilige Suchtmittel ausgerichtet, welches zunehmend die einzige und letzte Lebensfreude vermittelt, alles andere wird vernachlässigt.“Was keine Freude macht bzw. im Bewusstsein mit Angst besetzt ist, wird nach Möglichkeit aus dem Leben verbannt. Der bei den Abhängigen oft stark ausgeprägte soziale Rückzug führt schließlich dazu, dass der Betroffene einen Kreis um sich selber zieht: Drogenfreie soziale Interaktion steht ihm oder ihr wegen der Störung des Sozialverhaltens nicht mehr als Alternative zum Drogenkonsum zur Verfügung. Eine Psychotherapie wird aus denselben Gründen entweder erst gar nicht angefangen oder beim geringsten Widerstand, zum Beispiel bei schmerzlichen Selbsterfahrungen, häufig abrupt abgebrochen.

„Wohltuender Körperkontakt wurde der Suchtbefriedigung eindeutig vorgezogen.“

Gerald Zernig

 

Die „Heilkraft“ des sozialen Raumes.

 Trotz allem liegt im Sozialen der Ausweg aus dem Teufelskreis, wie Gerald Zernig und seine Mitarbeiter in einer international anerkannten Forschungsarbeit zeigen konnten. Die wichtigsten Verbündeten der Forschergruppe waren dabei kleine weiße Nager, Ratten, die zu ihrem Glück oder Unglück einige wichtige Eigenschaften mit dem Menschen teilen: Sie lieben Sex, Drogen und Süßes und sind obendrein ausgesprochene Gemeinschaftswesen. 

// 

Zernig: „Wir haben nach Bedingungen gesucht, die ein süchtiges Individuum zum Ausstieg aus der Drogenabhängigkeit bewegen können. Gefunden haben wir sie überraschenderweise in einfacher sozialer Interaktion. Wohltuender Körperkontakt wurde der Suchtbefriedigung eindeutig vorgezogen.“ Das ist umso erstaunlicher, als dieser Körperkontakt im Experiment nichts mit Sexualbefriedigung zu tun hat, sondern lediglich das Berühren gleichgeschlechtlicher Partner betrifft. Selbst wenn die Tiere in der dafür eingerichteten Kammer einander nur durch Trennstäbe hindurch mit den Vorderpfoten und Schwänzen berühren konnten, tat die Macht des körperlichen Kontaktes ihre Wirkung. 

 

 

// 

Gerald Zernig: „Wir konnten damit zeigen, dass soziale Interaktion in der Lage ist, die Vorliebe eines Individuums von Kokain auf soziale Interaktion zu richten. Freundschaftlicher Körperkontakt ist eine wesentliche Voraussetzung, Freude auch wieder für andere Dinge als Drogen empfinden zu können. Wenn wir noch die biologischen Abläufe dazu im Gehirn kennen, könnten wir die Diktatur der Droge brechen und den Betroffenen somit rascher zu einer normalen Lebensfreude verhelfen.“

Nur keine Enge oder Hierarchie.

Von Bedeutung für die Bereitschaft, sich von einer Droge abzuwenden, war im Tiermodell die Beschaffenheit des sozialen Raumes sowie des „Freundes“: Der erstere darf nicht zu klein, der letztere nicht zu groß, überproportioniert sein, um die Attraktivität der Berührung zu wahren. Vorsichtig könnte man sagen, es ist ähnlich wie bei uns Menschen: Zu enge und überfüllte Räume wirken bedrückend, Übermächtige in der gesellschaftlichen Hierarchie beängstigend. Gleichwertige, gleichberechtigte Partner auf großzügigem Raum scheinen die ideale Voraussetzung für stressfreien Kontakt zu sein, der die Entwöhnung unterstützt.