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FEBER 2014

Alpin und urban

Leben in einer alpin-urbanen Stadt – das klingt doch sexy. Trotzdem ist es längst nicht mehr so, dass jeder Innsbrucker begeisterter Skifahrer ist. Rodeln, Langlaufen, Tourengehen – Hauptsache abseits der Pisten, so lautet für viele das Motto. Quo vadis Wintersport?

 

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as schleppt er denn da an?“ Schwer bepackt kommt unser Vater am Heiligen Abend angekeucht. „Skiurlaub am Arlberg, Ostern 1980“ flimmert es kurz darauf in wackeligen Buchstaben über die mittlerweile aufgebaute Leinwand. Wir wedeln über endlose Pisten, kein Hindernis stellt sich uns in den Weg, nur das Brennen in den Oberschenkeln zwingt uns ab und an zum Anhalten. Erholung gibt es an der Schlange vor dem Lifthäuschen, diese allerdings auch endlos.

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Immer noch ganz high von diesem Gefühl des Dahinschwebens auf nahezu menschenleeren Pisten stellen wir uns die Frage, warum es keinen von uns mehr auf die Piste zieht, wo es doch vorher unser ein und alles war: von der ersten bis zur letzten (natürlich gefallenen) Schneeflocke. Irgendwann wurde es uns zu voll, zu laut, zu unruhig. Ende der 1990er stiegen wir um, auf Langlaufen, Wandern – mit Schneeschuhen und ohne – und Tourengehen.

 

Höher, schneller, weiter.

Die Zahlen bestätigen es: Höher, schneller, weiter. Gemäß dem olympischen Motto präsentieren Touristiker laufend neue Rekorde. So verzeichneten Seilbahnunternehmer und Liftbetreiber 1967 tirolweit auf 495 Anlagen ca. 44,2 Mio. Personen-Höhenmeter pro Stunde (PersHm/h). 1996 stieg die Zahl bereits auf 1.187 Anlagen mit ca. 345,4 Mio. PersHm/h und 2012 wurde mit 1.005 Anlagen ein Volumen von ca. 1.040 Mio. PersHm/h erreicht.

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Mit dieser Entwicklung können die Innsbrucker Bergbahnen größtenteils nicht mithalten. Macht aber gar nichts. Denn es stellt sich ohnehin die Frage: Will Innsbruck überhaupt eine Skidestination sein, vier Monate im Würgegriff der Ansprüche von internationalen Skitouristen? Den Rest des Jahres wäre Wandern und Biken zwischen totem Beton und Stahl angesagt. Ist die Stadt bereit, einen (Groß-)Teil der 110 Millionen Euro zu berappen, die laut jüngster Wirtschaftlichkeitsstudie notwendig wären, um im Kampf um internationale Wintergäste mithalten zu können? Seien wir uns ehrlich: Zum Skifahren fährt ohnehin kein Mensch nach Innsbruck – hierfür gibt es genügend grandiose Skigebiete in greifbarer Nähe. Außerdem haben die Bewohner der alpin-urbanen Stadt auch noch andere Ansprüche an den Naherholungsraum.

Stetig steigt dabei seit Jahren die Zahl derjenigen, die „alternativ“ unterwegs sind: als Tourengeher, Schneeschuhwanderer, Rodler oder Langläufer.

„Alternativ“ unterwegs.

Zugegeben: Wir sind verwöhnt. Welche Stadt mit fast 130.000 Einwohnern hat schon sechs Skigebiete vor der Haustür. So oft es geht, strömen die Innsbrucker hinaus. Während die Kinder in der Schule sind, gehen sich ein paar Schwünge am Kofel aus, die Zeit zwischen zwei Vorlesungen wird mit einem Abstecher auf die Nordkette überbrückt und die Mittagspause reicht für eine kurze Tour auf die Mutterer Alm, Knödelsuppe und flotte Abfahrt inbegriffen. Stetig steigt dabei seit Jahren die Zahl derjenigen, die „alternativ“ unterwegs sind: als Tourengeher, Schneeschuhwanderer, Rodler oder Langläufer. Die Motivationen hierfür sind vielschichtig: vom Typ, der sich auspowern will und den Berg als reines Sportgerät benutzt bis zum sensiblen Naturliebhaber, der alleine schon bei dem Begriff „Inszenierung der Natur“ Magenkrämpfe bekommt.

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Egal wie: Gesund ist die Bewegung an der frischen Luft allemal. Möchte man meinen, dass die öffentlichen Stellen, die versuchen, uns mittels zahlreicher Initiativen von den Vorteilen einer gesunden Lebensweise zu überzeugen, über derartige Trends hocherfreut sind und entsprechende Angebote fördern. Weit gefehlt. Erkannt wurde der Boom vor allem von der Sportartikelbranche. „Ich bin raus“, lautet so zum Beispiel das Motto der Marke Schöffel, die sich vor gut drei Jahren mit einer Niederlassung in Innsbruck angesiedelt hat. Mit ihrer Strategie, sich auf jene zu fokussieren, die eine gesunde Balance zwischen intensivem Berufsleben und sportlicher Freizeit suchen, konnte die Make ein Umsatzplus von 20 Prozent landen.

 

Der Trend als Chance.

Obwohl der Trend nun doch schon seit fast 20 Jahren anhält, wurden die Horden an Skitourengehern bislang eher als Problem gesehen, denn als Chance begriffen. Ärger, wohin man schaut: Skifahrer, die sich über entgegenkommende Skitourengeher am Pistenrand aufregen, Liftbesitzer, die versuchen, nicht-zahlende Benutzer ihrer Pisten mit Parkregelungen in den Griff zu bekommen und Tiefschneefahrer, die sich auf der Suche nach einem unverspurten Hang immer weiter ins Gelände wagen, den Jungwald niedermähen und im schlimmsten Fall sogar Lawinen auslösen.

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So bemüht sich allen voran der Alpenverein zu informieren, sensibilisieren und zu kanalisieren: mit Tourenvorschlägen, Tipps zum Verhalten bei Pistentouren und im freien Gelände, Schulungen im Umgang mit Lawinen sowie durch Kooperation mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Fokus stehen neben der Vermittlung von Wissen auch der Schutz von Natur und Umwelt und das friedliche Miteinander, die gegenseitige Rücksichtnahme. Im benachbarten Bayern hat es der DAV sogar geschafft, in einem einzigartigen Kooperationsprojekt mit den verschiedensten Interessensgruppen 500 naturverträgliche Routen entlang der Alpenkette – sowohl im freien Gelände als auch in Skigebieten – anzulegen.

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Mit den Ergebnissen zur Wirtschaftlichkeit der Bergbahnen liegen mittlerweile deutliche Zahlen vor. Innsbruck könnte nun beweisen, dass sich hinter seinem Slogan „alpin-urban“ keine leere Worthülse versteckt, sondern es damit ernst meint, „es als Leistungsauftrag zu verstehen, zu einem aktiven, vitalen Lebensstil zu inspirieren“. Wir freuen uns auf Angebote, auch abseits der Piste.