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APRIL 2014

Essay

Go (South-)East

Viel mehr Brenner geht nicht mehr. Die Belastungsgrenze für den niedrigsten Gebirgspass des östlichen Alpenhauptkamms ist heute eher absehbar als es einst das Ende der Zollkontrollen dort war. Wenn aber mit und ohne Basistunnel die Nord-Süd-Orientierung ebenso ausgereizt ist wie das Tempo auf der West-Ost-Route ans Limit gerät, benötigt Tirol eine Neuorientierung. Im Verbund der Euregio bietet sich dazu die Parallele vom Puster- über das Drautal an. Ein Weg, der gleichermaßen die Nord-Süd-Ausweichrouten kreuzt wie balkanische und pannonische Aussichten eröffnet.

D

ie Inntalautobahn: voll. Die Brennerautobahn: voll. Die Westautobahn: voll. Das deutsche Eck: voll.  Die Züge fahren zwar hier wie dort schneller denn je, doch das „Rien ne va plus“ wirkt absehbar. Und hinter dem Arlberg liegt nicht nur Paris näher als Wien, sondern wird die Konkurrenz mit Ostschweiz und Süddeutschland noch heftiger – eine der stärksten Wirtschaftsregionen Europas.

Angesichts dieses Gedränges an Top-Standorten gerät ausgerechnet jene Gegend ins Visier, die als Nachzügler gilt und infrastrukturell auch benachteiligt ist. Dieser Bogen reicht von Kärnten über die Steiermark bis ins Burgenland. Er ist der Zugang nach Slowenien, Ungarn und in die Slowakei – das Tor zum Balkan und ein Schlüssel für Osteuropa. Sotschi ist weiter weg, auch wenn die Russen schon da sind.

Es geht um die geistige Öffnung in einen Raum, der uns seltsam fremd geblieben ist.


Just der Sand im Getriebe der von Wien, Graz und St. Pölten betriebenen kakanischen Handelsreunion eröffnet den zu Boom-Zeiten zurückhaltenderen, historisch weniger südöstlich geprägten Bundesländern ein zweite Chance vom einstigen Jugoslawien bis über Ungarn hinaus. Was Tirol touristisch mit diesen Märkten schon gelingt, benötigt aber mehr als die Fluganbindung, um in anderen Wirtschaftsbereichen ähnliche Potenziale zu eröffnen.

DAS KAMEL UND DIE TÄLER.

Nun geht zwar eher ein Kamel durchs Nadelöhr, bevor das Puster- und Drautal verkehrstechnisch eine wirkliche Alternative zu Inntal und deutschem Eck werden. Das gilt im gleichen Maße für die Süd- im Vergleich zur West(auto)bahn. Der Weg von Bozen über Klagenfurt und Graz nach Eisenstadt ist allemal langwieriger und beschwerlicher als die Route von Innsbruck über Salzburg und Linz nach Wien. Doch die Abstecher in den Süden nach Ljubljana, Zagreb und Budapest eröffnen keine geringeren Perspektiven als die Abzweigungen in den Norden nach Prag, Brünn und Bratislava – hier Italien, dort Deutschland inklusive. 

Koralm- und Semmering-Projektende stehen ebenso in den Sternen wie die Vollendung der Brenner-basisbohrung.


Ein Ausbau der Puster- und Drautalstrecke zur Autobahn wie im Deutschen Eck erscheint 50 Jahre nach Europas letzter Highway-Manie allerdings als pure Utopie. Da wiegt Umweltschutz schwerer als Wirtschaftschancen, und die Anrainerinteressen stehen vor dem Reisetempo. Doch mangelnde Vision von heute beruht auf Unkenntnis der Technik von morgen. Niemand vermag zu sagen, wie (an)greifbar ein immer noch mehr dienstleistendes Europa in Zukunft seinen Verkehr gestalten muss. Keiner wagt eine Prognose, ob über die Urbanisierung der ländliche Raum nicht wieder stärker zum Lebensmittel-Nahversorger wird. Doch sicher ist: Die digitalen Bahnen gewinnen weiter an Bedeutung. Sie können Pionierwege zur Sunny Side, zur Sunnseitn, zum Südabhang der Alpen sein – auch oder besonders für Tirol. Gerade aufgrund seiner Expertise für den analogen Transit.

DIE UNIS UND DAS BIP.

Es geht um die geistige Öffnung in einen Raum, der uns seltsam fremd geblieben ist, obwohl – oder weil? – er für die k.u.k.-Monarchie zum Teil zentraler wirkte als das randständige Westösterreich. Eine Öffnung, die für das Bundesland Tirol nahezu zwingend ein stärkeres Andocken an die Autonome Region Trentino-Südtirol erfordert. Eine Öffnung, die in Österreich zwischen den alten Universitäten Innsbruck und Graz die Uni-Emporkömmlinge von Bozen und Klagenfurt ebenso einbeziehen muss wie die Fachhochschulen MCI, Kufstein, Kärnten, Joanneum, Burgenland sowie die Europäische Akademie EURAC. Eine Öffnung, die sich in Budapest an die englischsprachige Central European University wie die deutschsprachige Andrássy-Universität wenden kann und die in Zagreb eine traditionsreiche wie in Ljubljana eine riesige Uni als Partner fände.