Wir empfehlen
APRIL 2014

Essay

Exodus

Auch nicht besonders lässig: Übersiedeln.

E

s ist beileibe nicht nur der Morgenharn, der uns mit seiner erquickenden Wirkung erfreut, meine sehr verehrten Damen und Herren leserseitig. Auch so mancher luzide Gedanke verdankt sich dem frühen Zeitpunkt seines Gefasstwerdens. Diese duftende Frühlingswiese von einer Kolumne zum Beispiel aquarelliere ich Ihnen gerade im Morgengrauen. Aber ehrlich gesagt nicht wegen der Klarheit des Moments oder früh entwickelter seniler Bettflucht, sondern aus purer Zeitnot. Weil ich gerade voll am Übersiedeln bin und so was von keine Zeit habe, dieses kleine Gute-Laune-Kommödchen hier sagen wir superentspannt zwischen 14 und 15 Uhr zu drechseln. Da bereite ich mich nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach gerade auf den nächsten Nervenzusammenbruch vor.

// 

Weil es ist doch so: Selbstverständlich geht eine Waschmaschine auf die Bandscheiben. Vor allem wenn man beim Frühstücksfernsehen wieder einmal gepennt hat und nicht weiß, wie man richtig hebt. Der größten Belastung sind bei so einem Exodus israelitischer Ausmaße aber trotzdem die Nieren ausgesetzt, also ich meine die Psyche, die wo leidet wie ein Hund. Denn spätestens wenn die Stellage nicht ins Auto passt oder das Auto nicht in die Einfahrt oder beides, wird es prekär. Oder die Wohnzimmercouch verkeilt sich im Stiegenhaus. Es kann natürlich auch die aus dem Arbeitszimmer sein. Aber das ändert doch nichts an der Grundproblematik! Und die führt dazu, dass auch der abgebrühte Phlegmatiker die Nerven wegwirft.

// 

Stichwort Wegwerfen: Genau das sollte man ja vor einer Übersiedlung tun. Allein, man schafft es nicht. Gut, was heißt „man“? Ich schaffe es nicht. Ich leide unter fortgeschrittener Entsorgungshemmung. Vor allem bei Büchern. Dabei gilt doch: Bücher, die man nicht liest, bekommt man. Und das sollte eigentlich Anlass genug sein, rücksichtslos durch die Regale zu fegen und all die unangetasteten Elaborate verschwinden zu lassen. Wenn man außerdem bedenkt, dass die Wiederlesquote unter einem Prozent liegt – und selbst das bitte war ein Versehen, das ich immerhin schon auf Seite 80 bemerkt habe –, müsste ich eigentlich sämtliche Druckwerke ratzeputz entfernen.

Wenn wir in der Schule Basteln gespielt haben, wurde ich immer als letzter gewählt.


Aber was, frage ich mich, wenn zum Beispiel zufällig ein Arte-Kamerateam mit irgendeiner Kulturnase vor der Tür steht und für ein Interview einen intellektuell wertvollen Bildhintergrund benötigt. So nach der Art: Entschuldigen Sie die Störung, aber dürften wir kurz vor Ihrer Derrida-Werkausgabe filmen? Leider, müsste ich dann antworten, damit kann ich nicht dienen, ja, ich habe sogar das großartige Lexikon „1.000 Lokomotiven aus aller Welt“ weggeschmissen. Aber ich hätte die „Blechtrommel“ auf DVD, vielleicht möchten Sie die Kulturnase ja vor den Fernseher stellen.

// 

Nein, die Bücher müssen alle mit. Im Gegensatz zu den Regalen unserer schwedischen Freunde. So eine Ikea-Konstruktion reagiert auf Ortsveränderungen ja extrem sensibel und meist mit dem totalen Zusammenbruch. Jedenfalls wenn ich das Ding aufgebaut habe. Nun, was soll ich sagen? Meine Stärken liegen eher im theoretischen Bereich. Wenn wir in der Schule Basteln gespielt haben, wurde ich immer als letzter gewählt. Deshalb bringe ich mich beim aktuellen Umzug leidenschaftlich mit einer kleinen Kulturgeschichte der Wandbefestigung ein. These: Schon die Sumerer verwendeten Dübel, natürlich keilförmige.

// 

Ich weiß nicht, ob die These hält. Aber insgesamt passt das ins Bild.