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APRIL 2014

Editorial

Endstation

D

er Tiroler Fußballfan ist ein anspruchsvoller, ein Feinschmecker, ein Freund der gehobenen Unterhaltung eben. So ließe es sich erklären, warum sich immer weniger Menschen die Trauerspiele am Innsbrucker Tivoli ansehen. Die Tiroler sind treulose, wankelmütige Schönwetter-Fans, die den Verein nur unterstützen, wenn es gut läuft, wäre ein weiterer Erklärungsversuch. Denn im Vergleich zu anderen Bundesländern oder gar Ländern haben wir in Tirol nur ein volles Stadion, wenn es läuft, denn es werden nicht Verein und Mannschaft unterstützt, sondern ausschließlich das Gewinnen wird belohnt. Würde man das Verhältnis zwischen Fans und Fußball als Ehe abbilden, wäre diese schon oft geschieden, dann wieder geschlossen, lang auf Eis gelegt und dann doch wieder frenetisch gefeiert worden. Manisch-depressiv ist die Beziehung zwischen dem gemeinen Tiroler und seinem Noch-Bundesligaverein.

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Und selbst der sportliche Erfolg reicht oft nicht, um sich der Gunst der Tiroler Fans sicher sein zu dürfen. Ich erinnere mich noch gut an das Frühjahr 2002. Der FC Tirol war quasi im Besitz der Meisterschale und konnte Match um Match für sich entscheiden, allerdings stets mit Minimalaufwand und meistens mit nur einem Tor. Selbst diesen – an sich positiven, aber langweilig effizienten – Umstand bestraften die Fans umgehend. Wenig Tore und ein sicherer erster Platz führten zu halbleeren Zuschauerrängen. Spätestens da hätte man sich der Stadiondiskussion stellen müssen. Denn selbst in Zeiten, in denen man siegte und Geld keine Rolle spielte, war das Tivoli nur in den wenigsten Fällen ausverkauft. Als das Stadion zur Europameisterschaft 2008 aufgestockt wurde, gab es dennoch Optimisten, die dazu rieten, es nicht rückzubauen. Zum Glück wurden diese nicht erhört, sonst wäre der Gegensatz jetzt noch grotesker, als er ohnehin schon ist: ein riesiges Stadion, das Platz für 16.000 Menschen bietet und intelligenterweise ausschließlich für Sportereignisse konzipiert wurde, steht einer Zielgruppe gegenüber, die man mengenmäßig zeitenweise auch am Beselepark unterbringen könnte. Weder die Raiders, das eine oder andere Ländermatch noch ein Zweite-Liga-Wacker werden dem Tivoli das geben können, was es auch bisher nicht gehabt hat: eine Daseinsberechtigung.

SELBST DER SPORTLICHE ERFOLG REICHT OFT NICHT, UM SICH DER GUNST DER TIROLER FANS SICHER SEIN ZU DÜRFEN.

 

Deshalb hilft auch hier die Ehrlichkeit und die Frage: Muss alles im Leben einen direkten Sinn haben oder darf man sich auch mal was gönnen, das sich nicht rechnet? Oder anders formuliert: Das Tivoli wird nächstes Jahr 15 Jahre alt und wird auch die aktuelle Diskussion überleben. Der Wacker wird die Mentalität der Tiroler Fans auch in einer anderen Liga nicht verändern und wenn der Realist auch weiß, dass wir sowohl das Stadion als auch den Bundesligaverein nicht brauchen, scheinen wir beides doch irgendwie haben zu wollen.