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DEZEMBER 2013

St. Nikolaus

Mein Innstraßenland

von Christoph W. Bauer

Illustration: Monika Cichon

F

ragt man mich, woher ich komme, antworte ich oft: Aus dem Innstraßenland. Ist das Gespräch mit dieser Antwort beendet, soll es mir recht sein. Ist mein Gegenüber aber neugierig, gebe ich bereitwillig Auskunft.

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Seit über einem Jahrzehnt lebe ich nun in der Innstraße, gemessen am Alter des Stadtteils, durch den sie führt, eine kurze Zeit. Dennoch hat sich in den letzten Jahren viel getan in St. Nikolaus. Das Schreckgespenst Gentrifizierung schleicht durch die jahrhundertealten Häuser, Wohnraum wird knapp, die Mieten steigen, wo sich eine Luxussanierung nicht lohnt, werkt die Abrissbirne. Ist es wirklich so schlimm? Und hat der Stadtteil nicht weit Schlimmeres gesehen? Wie man hier einst mit Kranken umging, wie man Arbeitsunwillige wegsperrte? Wo man heute einen Supermarkt betritt, befand sich früher ein Strafarbeiterhaus, etwas unterhalb des Friedhofs der St. Nikolauskirche stand das Leprosenhaus, erstmals 1313 erwähnt und gut zwanzig Jahre später ausdrücklich als Anstalt der „Sondersychen“ bezeichnet. Wie die Pest sich von einem Haus ins andere fraß? 1611 war es, im Haus Innstraße 9 brach die Krankheit aus. Wie Menschen durch Brandkatastrophen alles verloren?

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Laut einem königlichen Erlass aus dem Jahr 1333 wurde den Bewohnern in St. Nikolaus eine zehnjährige Steuerfreiheit wegen der gewaltigen Brunst gewährt, die den Stadtteil zu einer einzigen Brandruine gemacht hatte. Zu diesem Zeitpunkt war St. Nikolaus bereits gut hundertsiebzig Jahre alt, als Anbruggen wurde der Stadtteil 1165 gegründet, wobei der Begriff Stadtteil irreführend ist, denn von einer Stadt damals noch keine Spur. Nur Wiesen dort drüben, wo sich heute die Innsbrucker Altstadt befindet. Manchmal versuche ich mir das vorzustellen, wenn ich abends durchs Innstraßenland spaziere und hinüberblicke auf die andere Flussseite – welche Dunkelheit muss dort geherrscht haben!

Christoph W. Bauer ist Schriftsteller und lebt in St. Nikolaus.

Meine nächtlichen Streifzüge durchs Innstraßenland führen mich nicht selten in den Innkeller, eine Bar, die vor Jahrhunderten als Pferdeschwemme diente. Noch heute befindet sich über dem Lokal ein Gasthof, der erstmals 1521 erwähnt wurde. Und früher war es eben üblich, im ersten Stock die Gäste einzuquartieren, währenddessen zu ebener Erde, mehr oder weniger im heutigen Barbereich, die Pferde untergestellt wurden. Nun ist es nicht so, dass ich an Rösser denke, wenn ich an der Theke stehe, aber es kann schon passieren, dass die Gedanken zu Gäulen werden, die mir dann durchgehen. Sie wieder einzufangen, kann den Anfang einer Geschichte bedeuten. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich den Innkeller als Ausgangspunkt für mein Buch „Im Alphabet der Häuser“ gewählt habe. Und auch in meinem neuen Buch spielt er eine Rolle. Zahlreiche Geschichten verdanken ihre Anregung Gesprächen, die ich im Innkeller geführt habe, viele sind der Beobachtung geschuldet. Sätze habe ich in der Bar weitergesponnen, im Kopf umgeschrieben, neu rhythmisiert – und wieder verworfen. Vor ein paar Jahren hatte ich mit dem Barbesitzer Toni Wechselberger eine Text-Collage entworfen, die im Lokal ausgestellt wurde.

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Der Innkeller ist also in mein Schreiben eingedrungen. Und mit meinem Schreiben bestreite ich mein Leben, hier im Innstraßenland, wo der Wohnraum eng wird und die Mieten steigen, wo die Abrissbirne werkt, wenn sich die Luxussanierung eines Hauses nicht mehr lohnt. Wo einst Feuersbrünste wüteten und die Pest ausbrach, wo die nichtvorhandene Kanalisation für die wenig schmeichelhafte Bezeichnung Koatlackn sorgte. Wo einst die Handwerker hausten.  Noch eine Quelle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts hält fest, dass sich in diesem Stadtteil „viele ärmliche und unscheinliche Häuser“ befinden, „größtenteils bewohnt von Maurergesellen, Holzhauern und anderen gemeinen Arbeitern – einem rohen, aber lebendigen Völkchen mit eigenthümlichen Manieren und Sitten“. Im Innstraßenland letztlich, wo „Eine kleine Innkellerei“ nicht bierernst genommen werden muss, sie ist dem „lebendigen Völkchen“ gewidmet – und jenen, die ich in meiner Stammbar gerne antreffe:

es sind immer die Kurzen die es in die Länge ziehen
um noch tags darauf für Nachhaltigkeit zu sorgen  
dann wird plötzlich klar das Glück war nur geliehen
vom Suff geborgt drum fühlte man sich ja geborgen

es sind diese Aha-Erlebnisse nicht zu unterschätzen
sie beugen der Sucht vor auch das nennt man Glück
also doppelt Schwein gehabt darauf lässt sich setzen
so wird man mit jedem Glas weiser um ein Stück

Beistand kommt von oben ein weiteres Erlebnis-Aha
der Innstraßenlandhimmel täglich blauer ist er zu sehen
so einen Schmarrn red ich will raus jetzt will fliehen  
   
es sind immer die Kurzen die es in die Länge ziehen
und eigentlich wollt ich schon vor Stunden gehen
willst noch einen fragst du ich denk nein und sag ja